Bernhard Well - About a line - Well connected

Well connected

Bernhard Well hat sich als Jazzmusiker im Ruhrpott und Münsterland einen Namen gemacht. Jetzt legt er in kleiner Besetzung eine CD vor, die Sie vom Hocker reißen wird. Saxophone, Querflöte, Trompete, Bass und Gitarre spannen einen stilistisch weiten Bogen von Bebop bis Funk.

Well hat für das Werk 5 Eigenkompositionen geschrieben und mit "Off minor" und "Played twice" 2 Titel des großen Thelonious Sphere Monk neu arrangiert. Zudem erstrahlen Standards von Victor Young, Cole Porter und Spencer Williams in frischem Gewand. Ein Gitarren-Interlude hat Guido Pyka beigesteuert.

Eingeladen hat Well (ts) als Mitstreiter Wolfgang Surrey (as, ss, fl), Guido Pyka (git), Eric Richards (b) und Philipp Well (trp). Die Aufnahmen entstanden im Luna Tonstudio Lüdinghausen im November 2020, und gerade deshalb verjagen sie jeglichen November-Blues, versprochen!

Bernhard Well, Guido Pyka, Wolfgang Surray

B. Well, Surrey und Pyka (siehe Bild links) sind ein seit Jahren eingespieltes Team. Sie musizieren immer wieder live zusammen, da kann dann ergänzend auch eine Harfe dabei sein, eine Akustikgitarre, ein Bass, eine Trompete oder ein Klavier.

Und wie das im Jazz so ist, kommt auch schon mal ganz spontan eine Stimme aus dem Auditorium hinzu, so kürzlich geschehen bei einem Bluestitel im Olfonium Olfen.

Die neue CD "About a line - Well connected" hat in den letzten Tagen das Laufwerk meines Players nicht mehr verlassen, ja ich habe die Musik sogar immer und überall auf meinem Handy dabei.

Jedes der Stücke hat etwas Besonderes. "About a line" ist dem klassischen Bebop verpflichtet und führt in die immer fließenden, vorwärtsdrängenden und dabei stets swingenden Songs ein. "Time out" stellt mit seinen "funky" Rhythmen die hier perkussiv spielenden Instrumente (kein Schlagzeug im Aufgebot!) und deren Klang noch einmal explizit vor; gleichzeit bereitetet das Stück den Boden für den ersten Monktitel "Off minor".

Ich habe tatsächlich wieder mal meine Riverside-Alben (die ich den Blue Note- und Prestige-Alben vorziehe) des von mir so hochgeschätzten Thelonious herausgeholt und hineingehört. Ich liebe Monk wegen seiner Rhythmik, seiner Brüche (auch der in seiner Biografie) und seiner gnadenlosen Konsequenz sich selbst und anderen gegenüber.

Well hat die beiden von ihm neu arrangierten Monktitel "in einem Rutsch" eingespielt, herausragend seine Soli auf dem Tenorsaxophon. Und weil`s so schön war, wurde von "Off minor" gleich noch ein zweiter Take aufgenommen. Interessanterweise enthält auch die berühmte LP "monks music" (die mit dem roten Kinderkarren!) 2 Takes von "Off minor"; am Tenor Saxophon damals Coleman Hawkins und John Coltrane.

Noch "monkiger" als "Off minor" ist "Played twice", von diesem Stück enthält Monks Album "5 by Monk by 5" gleich 3 Takes; am Tenor Saxophon dort Charlie Rouse.

Bernhard Well und seine Mitmusiker hätten in Lüdinghausen wohl stundenlang weiter improvisieren können, würde die CD nicht Grenzen setzen. Diese Monk-Interpretationen gefallen mir jedenfalls besser als die oben zitierten Originale, Sphere wird mir verzeihen.

"Pig Latin" erweckt Assoziationen an arabische Klänge. "Second call for two" bewundere ich für die entspannten Dialoge zwischen den Instrumenten, z.B. den beiden Saxophonen und zwischen Bass und Gitarre.

"Blue Line" wird wahrscheinlich mein Favorit dieser CD mit der wunderbaren Flöte und dem im Zusammenspiel so herrlich zurückgenommenen und erst später auftrumpfenden Tenor Saxophon.

"Hallo Jerry" würde ich für eine Monk-Komposition halten, wenn ich es nicht besser wüsste, so wunderbar klingen die Pausen. "Tossa callin" kommt umwerfend locker und gelöst daher. Die ohnehin erstklassig aufgenommene, angenehm hell, ja manchmal fast glockenartig klingende Gitarre übernimmt hier meisterhaft den Part des Klaviers in einem Jazz Piano-Trio oder Piano-Quartett. Mit Recht gebührt ihr das Interlude-Solo.

"Basin street blues" mit seinen Soli, der sich ganz in den Dienst der Sache stellenden Gitarre und dem durch die gedämpfte Trompete noch beförderten harmonischen Bläser-Sound ist pure "Gute Laune Musik".

Trotz aller stilistischer Vielfalt klingt die CD "wie aus einem Guss", wohl das Ergebnis der "Live-Einspielung" im Studio.

Ein Glas Rioja, oh Verzeihung, lieber italophiler Bernhard, ein Glas trockener Barolo dazu - und Zeit, Raum und Corona sind vergessen…

Wells Tenorsaxophon erinnert mich wegen des kraftvollen Tons an Coleman Hawkins, Surrey`s Intonation auf dem Sopran-Saxophon an Charlie Parker. Zusammen erzeugen beide Instrumente ein wunderbares Tonbild, konsonat harmonierend und dissonant divergierend, so wie es im Jazz sein soll.

Tom Piazza ("The guide to classic recorded Jazz") ist der Ansicht, dass es nach 1965 keinen "wahren" Jazz mehr gegeben hat. Nun, er kennt wohl nicht die Well Connection…

Sollte die Seuche irgendwann mal besiegt sein, hoffe ich auf eine Live-Präsentation dieser mitreißenden Musik und in diesem Rahmen dann auch auf das eine oder andere längere Bass-Solo. Der Bassist hat das nämlich locker drauf.

Well Backcover

Eine blitzsaubere Produktion, erstklassig abgemischt mit genau der richtigen Dynamik - und mit einem tollen Cover versehen, ein Gesamtkunstwerk, zu dem man nur gratulieren kann. Übrigens: der Herr auf den Covers ist nicht Van Morisson, sondern Bernhard Well. Wer die "Lady in Red" ist, verrate ich nicht...

Die Cover lassen sich durch Anklicken vergrößern. Auf dem Backcover ist auch die Kontakt-Mailadresse von Bernhard Well notiert. Wie ich ihn kenne, freut er sich über Ihre Rückmeldung und nimmt Sie sicher gern in seinen Verteiler auf.

Und wenn Sie es wirklich unbedingt wollen, schickt er Ihnen ganz bestimmt auch die CD.

Text: Dr. Helmut Puschmann, Dezember 2020

zurück zum Seitenanfang