OSCAR PETERSON - LEBEN UND WERK (1)

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112. O.P. signed Portrait ca. 1990

Signed Peterson Public Portrait (ca. 1990)

Eine Vorabbemerkung
Dieser Artikel ist keine Biografie. Es gibt dermaßen vieles über Oscar Peterson im Netz zu lesen, und zwar gut und schlecht Recherchiertes, dass ich Ihnen im Anhang lieber einige kompetente Bücher ans Herz legen will, falls Sie mehr über sein Leben wissen möchten. Diese Website will Sie stattdessen einführen in Musik und Karriere des Mannes, den ich für den besten Pianisten halte, der jemals gelebt hat.

Und Oscar Peterson lebt ja wirklich weiter in seinem riesigen musikalischen Vermächtnis, das er uns in Form von Mitschnitten, Kassetten, CDs, DVDs und anderen Tonträgern hinterlassen hat. So können wir noch heute seine Musik hören und uns daran erfreuen.

Für manch einen Leser mag dieser Artikel die erste Annäherung bedeuten an jene Musik, die man Jazz nennt. Deshalb will ich zunächst erklären, was Jazz überhaupt ist.

Was ist Jazz?

Für mich besteht die Philosophie des Jazz darin, emotional auf einen Song, eine Melodie zu reagieren, indem man unmittelbar, also noch während des Hörens seine eigene musikalische Interpretation erstellt. Jazz ist also als eine Art Musik des Augenblicks.

Ein klassischer Musiker ist Interpret. Er darf die Partitur nicht ändern. Er kann den festgelegten Noten lediglich seinen Ausdruck, seine Sichtweise verleihen.

Dagegen fühlt der Jazz-Musiker eine Komposition, ist im Idealfall erfüllt von der Schönheit des Stückes und beginnt unmittelbar zu improvisieren.

Deswegen bezeichne ich den Jazz auch als "emotionale Komposition des Augenblicks" (instant emotional composing).

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Oscar Peterson im Interview 1979 in den Niederlanden

"Wenn auch viele glauben, jeder ausgebildete Musiker könne lernen, zu improvisieren, haben doch immer wieder selbst große klassische Interpreten schnell gemerkt, dass man für den Jazz unbedingt diese geheimnisvolle Gabe braucht, die man "Talent" nennt. Eine Begabung also, die es nicht nur ermöglicht, zu improvisieren, sondern die auch einen inneren Zugang eröffnet zu den Wurzeln der Jazz-Improvisation, dem Blues".

"Ganze Bibliotheken wurden verfasst darüber, was Jazz eigentlich ist. Lassen Sie mich stattdessen an dieser Stelle einen Titel zitieren eines der großen Jazz-Genies, Edward Kennedy Ellington, besser bekannt als "The Duke":

"It don´t mean a thing if it ain`t got that swing".

[Anm. H. Puschmann: man könnte dieses Ellington-Zitat vielleicht folgendermaßen übersetzen: "Nichts hat Bedeutung, wenn es nicht swingt."]

"Und wenn auch manche Jazz-Musiker diese Tatsache nicht wahrhaben wollen, so meine ich doch, dass neben Improvisationstalent und Bluesfeeling gerade der Swing einen nur schwer verzichtbaren Bestandteil des Jazz darstellt."
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So weit Oscar Peterson im Interview.

Wir meinen: Oscar Peterson hatte all diese Talente und Feelings im Überfluss.
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O.P. Portrait

Photo Courtesy of Al Gilbert, F.R.P.S., Toronto, Canada

Einige kleine biografische Notizen

Oscar Emmanuel Peterson wurde am 25. August 1925 in Montreal, Quebec, Kanada geboren als Sohn des Schlafwagenschaffners Daniel und seiner Mutter Kathleen Olivia John Peterson. Er hatte noch zwei Schwestern und zwei Brüder.

1944 heiratete er Lillie Fraser und bekam mit ihr fünf Kinder: Lyn, Sharon, Gay, Oscar Jr. und Norman.
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Night Child

Sandra King wurde seine zweite Frau, er heirate sie 1966. 1977 schloss Peterson seine dritte Ehe mit Charlotte Huber. Aus dieser Verbindung ging mit Joel ein weiterer Sohn hervor. Während der Nacht, in der Joel geboren wurde, komponierte Oscar mit "Night Child" ein wunderbares Stück. Joel ziert als Titelfoto das gleichnamige Album (Pablo, siehe Cover links). 1990 heiratete Oscar Peterson zum vierten Mal. Mit Kelly, geb. Green hat er eine gemeinsame Tochter namens Celine.
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Studienjahre

Zunächst studierte Peterson klassische Musik auf dem örtlichen Konservatorium, später dann bei dem ungarischen Pianisten Paul de Marky.

Schon bald nach seinem "Hineinplatzen" in die internationale Musikszene wurde Oscar Peterson einer der überragendsten und erfolgreichsten Jazzer aller Zeiten. Als erster weltweit gefeierter Jazzpianist aus Kanada ist er einer der höchstausgezeichneten zeitgenössischen Musiker überhaupt. Petersons Lebensgeschichte liest sich wie eine Aneinanderreihung von Superlativen.

Eine der bemerkenswertesten Eigenschaften in Petersons langer Karriere war seine Fähigkeit, ein riesiges Publikum weltweit zu begeistern, ohne seine künstlerische Integrität zu verraten.

Mit seinem Klavierstil bleibt Peterson für immer eine absolute Referenz der Jazz-Historie. Nur wenige andere Pianisten haben es vermocht, kraftvolle Technik mit traditionsverpflichteter Poesie in solcher Vollkommenheit zu verbinden.

Ein untrennbarer Teil seines Schaffens ist der Blues, der fast immer bei seinen Bühnenauftritten mitschwingt. In einem Interview hat Peterson einmal geäußert: "Für mich ist ein Jazzstück kein Jazzstück, wenn es überhaupt kein Bluesfeeling hat".

Peterson hatte zwar von Natur aus die Gabe des "absoluten Gehörs" und große kräftige Hände mitbekommen, letztlich aber war es seine extrem harte Arbeit an sich selbst, mit der er die von ihm angestrebte Musikerlaufbahn vorbereitete.

"Ich übte von 9.00 Uhr bis 12.00 Uhr, machte 1 Stunde Mittagspause, übte wieder von 13.00 Uhr bis 18.00 Uhr und nach dem Abendessen erneut ab 19.30 Uhr. Meist übte ich so lange, bis mich meine Mutter vom Klavierstuhl zog, damit die Familie noch etwas Nachtschlaf bekam".

Es waren diese Marathon-Sessions, während deren Peterson seine Technik vervollkommnete, eine Grundvoraussetzung zur Umsetzung seines brillanten musikalischen Ideenreichtums.

Erste Erfolge

Im Alter von 14 Jahren, als er sein Studium bei de Marky aufnahm, gewann Peterson auch den ersten Preis bei einem Radio-Wettbewerb. Dieser Erfolg ermöglichte ihm wöchentliche Auftritte beim CKAC-Radio Montreal und anderen nationalen Sendern.

1942 wurde er Mitglied des Johnny Holmes Orchestra. Holmes bemerkte später: "Erstaunlicherweise hatte er mit 17 Jahren, als er zu uns kam, bereits die gleiche ausgefeilte Technik wie heute. Er war ein Rohdiamant."

Peterson nutzte die Zeit in der Band, um seine Talente weiterzuentwickeln.

Der Durchbruch

1947 bildete Oscar Peterson sein erstes eigenes Trio und trat damit in der Alberta Lounge auf.

2 Jahre später begann er mit Aufnahmen für die kanadische R.C.A, allerdings noch im damals populären Boogie-Woogie-Stil.

Eine ganze Reihe amerikanischer Jazzkünstler haben Peterson in Montreal gehört und der immer noch junge Oscar erhielt in der Folge verschiedene Angebote, auch in den USA aufzutreten. Doch dafür fühlte er sich noch nicht reif genug.

Norman Granz, Jazzveranstalter und Musikproduzent, hörte Petersons Spiel in Montreal während einer Tournee von Jazzstars, bekannt als "Jazz at the Philharmonic".
Granz lud Peterson ein, bei einem Konzert in der Carnegie Hall in New York aufzutreten. Es war dieses Debut im Jahre 1949, das die Plattform einer internationalen Karriere bilden sollte.

Das erste große Peterson Trio

Zunächst spielte Peterson im Trio mit Major Holley am Bass und Charlie Smith am Schlagzeug. Von dieser Formation sind keine Aufnahmen erhalten geblieben. Doch Oscar wollte unbedingt zusammen mit dem Bassisten Ray Brown spielen, der allerdings bereits ein eigenes Trio mit Hank Jones am Klavier hatte. Dieses Trio begleitete auch Ray Browns Ehefrau, Ella Fitzgerald (die nebenbei bemerkt zehn Jahre älter war als ihr Mann).

Ab 1951 trat Oscar im Duo auf, zunächst mit Major Holley, nach der Scheidung von Ray und Ella (die aber gute Freunde blieben) mit Brown.

Peterson wurde Mitglied von Jazz at the Philharmonic (J.A.T.P.) und trat mit dieser Formation nicht nur in allen großen Städten Nordamerikas auf, sondern auch ab 1952 in Europa und ab 1953 in Japan.

Oscar Peterson und Ray Brown wurden sehr enge, lebenslange Freunde. Zusammen gründeten sie ein Trio, zunächst mit Barney Kessel, danach mit Irving Ashby und schließlich mit Herb Ellis. Damit war das erste große Peterson-Trio geboren.

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Hier vier Beispiele für herausragende Veröffentlichungen des Oscar Peterson Trios mit Herb Ellis und Ray Brown:

133. Tenderly

Oscar Peterson Trio: Tenderly

134. O.P. At the Concertgebouw

Oscar Peterson Trio: At The Concertgebouw

At Zardi`s

Oscar Peterson Trio: At Zardi`s

At The Stratford Shakspearean

Oscar Peterson Trio: At The Shakspearean Festival

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Weitere Aufnahmen des Trios Peterson - Ellis - Brown einschließlich CDs aus den Reunion-Tagen finden Sie in der Selektierten Diskographie
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Viele halten das Peterson-Ellis-Brown Trio für das beste Klavier-Bass-Gitarren Trio aller Zeiten. Dieses Trio bestand von 1951 bis 1958. Als sich das Trio 1990 widervereinigte, schrieb Richard Palmer: "Die treibende Kraft, die Klangfülle und der nahezu gespenstisch anmutende Kommunikationslevel sind heute noch genauso phänomenal wie bei den früheren Auftritten und Aufnahmen der Gruppe. Dieses Trio war auf gegenseitiger Zuneigung aufgebaut und das kommt auch heute auf den Aufnahmen immer noch unwiderstehlich rüber."

Allerdings hatte das wiedervereinte "legendary trio" jetzt einen Schlagzeuger: Zunächst Bobby Durham, später Jeff Hamilton. Dann aber kam es im Mai 1993 zu dieser traurigen Nacht im "The Blue Note" in New York ....

Aber zunächst zurück zu den 50er Jahren.

Wachsende Berühmtheit und Welttourneen

Das Oscar Peterson Trio erlangte Berühmtheit. Norman Granz wurde Oscars Manager und Produzent und entdeckte schnell, dass Peterson auch der lang erträumte Begleiter war.

Das Trio wurde die "Haus-Begleitband" des von Granz gegründeten Labels "Verve" und machte Aufnahmen mit nahezu allen großen Jazzern dieser Zeit. Von Louis Armstrong bis Sarah Vaughan und von Billy Holiday bis Lester Young, alle spielten Stücke ein mit dem Oscar Peterson Trio. Große Anerkennung und Berühmtheit gewannen die Aufnahmen "Ella & Louis", gefolgt von "Ella & Louis, again", die zu Jazz-Klassikern wurden.

Um diese Zeit wuchs die Zahl der Konzerte beständig an, mit J.A.T.P oder auch im kleineren Kreis. Während der 60er gab Peterson über 200 Konzerte pro Jahr, und das weltweit. Manchmal wurden sogar zwei unterschiedliche Konzerte an einem einzigen Tag gegeben..

Oscar hat mir erzählt, dass er nur selten zu Hause in Kanada war. Und wenn er zurückkehrte, dann war er mit Plattenaufnahmen beschäftigt oder mit allen möglichen anderen Verpflichtungen. So galt es beispielsweise, die eigenen Aufnahmen zu promoten, in Fernsehshows aufzutreten oder Filmmusiken zu schreiben.

Das Umhertouren kam oft wirklich einer Bestrafung gleich. Ray Brown hat mir einmal erzählt: "Manchmal wussten wir nicht einmal, in welcher Stadt oder in welchem Land wir gerade spielten. Wir waren ständig auf der Reise, checkten im Hotel ein und wieder aus und gaben an jedem Tag ein Konzert, an manchen Tagen sogar zwei. Klar, wir verdienten viel Geld, aber um welchen Preis!"

Und Peterson fügte hinzu: "Ich habe die Welt mehrfach umrundet, habe aber nichts von den Sehenswürdigkeiten der besuchten Länder gesehen. Und natürlich haben mich diese langen Abwesenheiten von zu Hause und von der Familie mehrere Hochzeiten gekostet."

Das zweite große Peterson Trio

Dieser ewige Druck führte bei Herb Ellis zu einem Alkoholproblem und 1958 schließlich zu einem Rausschmiss aus dem Trio, nachdem es nicht absehbar war, ob Herb jemals wieder auf die Beine kommen würde.

Ellis war ein unerschrockener Mensch und berichtete später mehreren Zeitschriften von seiner Trunksucht.

Nachdem Ellis das Trio verlassen hatte, entschieden Brown und Peterson, ihn durch einen Schlagzeuger zu ersetzen. Einige Monate lang spielte Gene Gammage die Drums, bis sich dann in 1959 Ed Thigpen dem Trio anschloss.

Damit war das zweite große Peterson Trio geboren.
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Hier vier Beispiele für herausragende Veröffentlichungen des Oscar Peterson Trios mit Ray Brown und Ed Thigpen:

Sleeve Japanes  2-LP Tokyo 1964

Oscar Peterson Trio: Tokyo, 1964 (Japan)

O.P. Night Train Japan

Oscar Peterson Trio: Night Train (Japan)

O.P. We Get Requests Japan

Oscar Peterson Trio: We Get Requests (Japan)

O. P. Affinity

Oscar Peterson Trio: Affinity (Japan)

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Weitere Aufnahmen des Trios Peterson - Brown - Thigpen finden Sie in der Selektierten Diskographie
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Die Musikwelt im Umbruch

Unterdessen hatte sich die Musikszene gewandelt. Nach Ende des 2. Weltkrieges wurde Jazz zwar weltweit äußerst populär, selbst unter den Jugendlichen. Aber das änderte sich schlagartig, als mit Bill Haley und vielen anderen der Rock`n Roll aufkam. Die Jugendlichen bekamen so ihre eigene Art von Musik, die sich nach und nach zur Pop-Musik entwickelte, wie wir sie heute kennen.

Klar, die ganz großen Namen des Jazz wie Miles Davis, Duke Ellington, Count Basie, Stan Getz, Dave Brubeck und natürlich auch Oscar Peterson blieben populär, aber die weniger bekannten Jazz-Musiker mussten erfahren, dass ihr Platz in den Konzerthallen jetzt eingenommen wurde von den Beatles, Rolling Stones etc. etc.

Gleichzeitig spaltete sich ein "Avant Garde Jazz" mit Namen wie Cecil Taylor und Sun Ra ab vom "Mainstream Jazz", was viele Jazz-Liebhaber veranlasste, sich von dieser für sie fremdartigen Musik abzuwenden. Selbst Miles Davis wandelte sich in diese Richtung und ging in Elektronikshops verloren.

Aber Oscar Peterson machte weiter genau das, was er immer schon gemacht hatte. Seine neue Formation mit Ed Thigpen und Ray Brown wurde zu einem ganz ausgezeichneten und vor allem total miteinander verschmolzenen Trio.

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Sleeve LP Ella & Oscar

Ella und Oscar (Pablo)

09. Sleeve LP L.Armstrong & O.Peterson Web

Louis Armstrong meets Oscar Peterson (Verve)

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1957 beendete Norman Granz die JATP-Konzerte in Nordamerika. Er führte sie aber fort in Europa und anderen Teilen der Welt, wie z.B. in Japan, wo Jazz sehr erfolgreich war und auch blieb, seit JATP 1953 dort erstmalig gastierte.

Zum Ender der 50er Jahre wurden Auftritte der berühmten Jazz-Stars derart teuer, dass eine solch große Truppe wie JATP nicht mehr länger bezahlbar war. Granz änderte das Konzept in "An Evening with Ella and Oscar" und tourte mit einer jährlichen Konzertserie durch Europa und den Rest der Welt.

Zu Beginn der 60er Jahre begann Oscar Peterson nahezu "heimlich" mit diesen privaten Konzerten in Villingen, die später unter dem Titel "Exclusively For My Friends" Furore machen sollten.

Das hatte vor allem etwas mit den Plänen des deutschen Toningenieurs und Produzenten Hans Georg Brunner-Schwer zu tun, dem ich wegen seiner großen Bedeutung in Petersons Karriere hier eine eigenständige Seite widmen möchte. Klicken Sie sich bei Interesse gern rechts in die HGBS-Seite ein.

Soweit unsere biografischen Notizen bis zum Beginn der Sessions "Exclusively For My Friends".

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Anmerkung von H. Puschmann: In einem noch in Planung befindlichen zusätzlichen Abschnitt ("Oscar Peterson – Leben und Werk 2") soll später auf Oscar Petersons weitere Lebensstationen eingegangen werden, und zwar wiederum im chronologischen Zusammenhang mit seinen bahnbrechenden musikalischen Veröffentlichungen.

Artikel: AvK, © 2011 Übersetzung: Helmut Puschmann

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443. O.P. announcing 2

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