Johann Sebastian Bach - Goldberg Variationen

Entstehung, Namensgebung, Aufbau, Wirkung und Auswirkungen

Bach 2

Johann Sebastian Bach hat seine berühmten Goldberg Variationen erstmals 1741 drucken lassen, die Urschrift ist verschollen, das exakte Entstehungsdatum unklar. Vermutlich wurden einzelne Sätze schon früher niedergeschrieben. Im Bach Werke Verzeichnis tragen die Variationen die Nummer 988 und zählen damit zum Spätwerk des Komponisten. Man weiß, dass der Zyklus Bach sehr am Herzen lag.

Den heute allgemein üblichen Namen "Goldberg Variationen" haben die Klavierstücke erst später, lange nach dem Tode des Komponisten erhalten, basierend auf den hundertfach (und hier dennoch erneut) zitierten, aber wohl eher anekdotischen Angaben des Bach-Biografen Johann Nikolaus Forkel. Danach war die Komposition eine Auftragsarbeit für den Grafen Kaiserling, der sich die Stücke von einem jungen Pianisten namens Goldberg (einem Schüler Bach`s) vorspielen ließ, wenn er nachts nicht einschlafen konnte. Wahrscheinlich "fake news", wie man heute sagen würde. Aber wenn es wirklich unwahr ist, dann ist es wenigstens gut erfunden. Was einer "alternativen Wahrheit" schon recht nahe kommt.

Obwohl nicht eindeutig so bezeichnet, gelten die Variationen als 4. Teil der "Clavier-Übungen". Sie tragen den von Bach selbst notierten Titel "Aria mit verschiedenen Verænderungen vors Clavizimbal mit 2 Manualen Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertiget".

Schmuckblatt

Ein solches bis ins Kleinste ausgefeilte Monumentalwerk, dessen Interpretation gut und gern 80 (ja im Extremfall sogar mehr als 90) Minuten braucht, als Einschlafhilfe? Also ich bin immer hellwach, zumindest wenn nach der Eingangsarie die erste bewegende Variation erklingt. Bei den so völlig unterschiedlichen Stimmungen ("Affekte") kann man allerdings ins Träumen geraten. Pianisten haben von einer hypnotischen Aura gesprochen, die sie während des eigenen Vortrags ereilt hat.

Es hängt wohl sehr von der jeweiligen Stimmungslage ab, welchen Effekt die Stücke haben. Man kann den Variationen hellwach mitdenkend folgen - oder sich verträumt fallen lassen. Und da Barockmusik, wie manche Ketzer sagen, "als Hintergrundmusik nicht stört", kann man damit sicher auch einschlafen, so man das zulässt. Versuchen Sie das mal mit einer Komposition von Mahler oder Bruckner…

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Bach 3

Die Architektur des Werkes

Der Großteil aller Menschen, die sich den Goldberg Variationen widmen, tun das allein wegen der wunderbaren Musik. Sie ahnen (oder wissen) natürlich, dass sie gerade einem der größten Werke der Musikgeschichte lauschen, brauchen aber keine Analyse des Aufbaus im Einzelnen. Es ist Aufgabe der Musikwissenschaft, die nahezu mathematisch exakt angewandten Regeln der Komposition herauszuarbeiten, und natürlich müssen sich Interpreten damit auseinandersetzen. Für den Musikliebhaber aber reicht folgende kurz zusammengefasste Einführung völlig aus:

Basslinie

Die 32 Takte der dem Zyklus zugrunde liegenden "Aria" und aller ihrer Variationen lassen sich in zweimal 16 Takte gliedern, die jeweils wiederholt werden sollen. Die 32 Takte fußen auf 4 achttaktiken Basslinien mit jeweils 8 Fundamentalnoten (siehe oben), auf denen sich die harmoniebestimmenden Akkorde aufbauen. Nicht zufällig ergeben die Aria, die 30 Variationen und die am Schluss unverändert wiederholte Aria wiederum exakt 32 Teile. Zudem ist das Gesamtwerk innerlich noch einmal in zwei Teile à 16 Stücke gegliedert, besteht mithin aus zwei symmetrischen Blöcken. Der zweite Teil des Werkes beginnt völlig logisch mit einer Ouvertüre als Variation 16. Damit haben wir bereits die wichtigsten "magischen" Zahlen des Werkes kennengelernt: 2, 4, 8, 16, 32. Wie wir noch sehen werden, kommen auch der 3, 10 und 15 Bedeutungen zu.

Doch keine Regel ohne Ausnahme, die Ouvertüre bietet nämlich eine Besonderheit: Sie ist nicht symmetrisch aufgebaut, dem langen langsamen ersten Teil folgt ein kurzer schnellerer zweiter Teil.

Übrigens ist unter Musikwissenschaftlern umstritten, ob die "Aria" aus Bachs Feder stammt. Es werden Gründe dafür und dagegen angeführt. Einen Gedanken vermisse ich bei dem ganzen Disput: Warum sollte Bach diesem so ausgefeilten und von ihm selbst so hochgeschätzten Werk eine Fremdkomposition als Basis seiner Variationen voranstellen! Auch dass Bach eigenhändig die Aria schon 1740 ohne weitere Anmerkungen ins "Clavierbuch" der Anna Magdalena Bach eingetragen hat, spricht m.E. gegen eine anderweitige Autorenschaft. Und hätte nicht Bach selbst oder irgendein Chronist auf den wahren Autor hingewiesen, falls das Stück tatsächlich nicht vom Meister stammen sollte? Aber ist das alles wichtig? Wenn überhaupt, dann wohl eher nur für Wissenschaftler.

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Noten-GBV

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Doch weiter in der Systematik: Die beiden Blöcke von jeweils 15 Variationen (= 30 Variationen) lassen sich untergliedern in zweimal 5 (= 10) Gruppen zu je 3 Variationen.

Die Dreiergruppen sind durchweg nach dem gleichen Schema aufgebaut: Die jeweils erste Variation innerhalb der 10 Gruppen ist einem festen Genre vorbehalten, also etwa einem Tanzsatz der Bachzeit (Courante, Sarabande,Giga, Chaconne), einer Fuge oder Ouvertüre. Der Mittelsatz ist "frei" komponiert, oft spieltechnisch vertrackt und am ehesten eine "Clavier Uebung" (heute würde man "Etüde" sagen). Jede dritte Variation, also der Schlusssatz einer Dreiergruppe ist als Kanon komponiert - mit Ausnahme der letzten Variation, die als "Quodlibet" bezeichnet ist, aber mit ihren "ineinander gesungenen" Volksweisen auch etwas "Kanonisches" in sich trägt. Der Kanon wurde zu Bachs Zeiten als Spielart einer Fuge mit "freierer" Imitation, eher also Variation der ersten Stimme gesehen.

Innerhalb der sich fortentwickelnden Dreiergruppen gibt es wiederum intervallmäßige Gesetzmäßigkeiten, deren Darstellung an dieser Stelle den Rahmen sprengen würde.
"Um Gottes Willen", werden Sie sagen, "strenge, nahezu gesetzmäßige Regeln! Ich wollte doch eigentlich nur gute Musik hören!" Nun, lassen Sie sich gern beeindrucken von der Kunst der formalen Komposition - Sie müssen aber nicht. Für den Hörgenuss sollte das keine Rolle spielen. Die Architektur bildet lediglich eine feste äußere Form, innerhalb derer sich die rhythmisch und stimmungsmäßig höchst unterschiedlichen Variationen frei austoben können. Es gibt schmerzliche, melancholische, humorvolle und tröstende Stücke.

Permanent wechseln die Stile, Tempi und Affekte, wodurch ein großer Spannungsbogen aufrechterhalten wird, der uns Zuhörer erst mit der Schlussarie wieder zur Ruhe kommen (und wenn wirklich gewünscht, auch einschlafen) lässt.

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Als Übersicht nachfolgend die Originalbezeichnungen der einzelnen Stücke. Kursiv und in Klammern stehen die mir bekannten später von Bach angebrachten Zusätze, wie sie im 1975 aufgetauchten Handexemplar notiert sind.

  • Aria
  • Variatio 1. a 1 Clav.
  • Variatio 2. a 1. Clav.
  • Variatio 3. Canone all Unisuono à 1 Clav.
  • Variatio 4. à 1 Clav.
  • Variatio 5. a 1 ô vero 2 Clav.
  • Variatio 6. Canone alla Seconda a 1 Clav.
  • Variatio 7. à 1. ô vero 2 Clav. (al tempo di Giga)
  • Variatio 8. a 2 Clav.
  • Variatio 9. Canone alla Terza. a 1 Clav.
  • Variatio 10. Fugetta. a 1 Clav.
  • Variatio 11. a 2 Clav.
  • Variatio 12. Canone alla Quarta a 1 Clav.
  • Variatio 13. a 2 Clav.
  • Variatio 14. a 2 Clav.
  • Variatio 15. Canone alla Quinta a 1 Clav.
  • Variatio 16. a 1 Clav. Ouverture
  • Variatio 17. a 2 Clav.
  • Variatio 18. Canone alla Sexta. a 1 Clav.
  • Variatio 19. à 1 Clav.
  • Variatio 20. a 2 Clav.
  • Variatio 21. Canone alla Settima a 1 Clav.
  • Variatio 22. a 1 Clav. alla breve
  • Variatio 23. a 2 Clav.
  • Variatio 24. Canone all Ottava a 1 Clav.
  • Variatio 25. a 2 Clav. ("adagio")
  • Variatio 26. a 2 Clav.
  • Variatio 27. Canone alla Nona a 2 Clav.
  • Variatio 28. a 2 Clav.
  • Variatio 29. a 1 o vero 2 Clav.
  • Variatio 30. a 1 Clav. Quodlibet
  • Aria da Capo è Fine

Heute wird zumeist bei der Variation 15 der Zusatz "Andante" angegeben. Ob diese Notiz und der Zusatz "alla breve" der Variation 22 auch aus dem Handexemplar stammen, in dem Bach eigenhändig mit roter Tinte Korrekturen für einen Neudruck angebracht hat, konnte ich nicht herausfinden.

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Die eine jeweilige Dreiergruppe beschließenden Canones sind zur besseren Übersicht fett markiert. Dort wird anhand der Satzüberschriften auch die Systematik des zunehmenden Intervalls (Prime = Unisono bis None) zur zweiten und dritten Stimme deutlich (alle Canones bis auf den letzten, die Variation Nr. 27 sind dreistimmig).

Und noch etwas nicht ganz Unwichtiges vermittelt diese Auflistung. Alle Variationen tragen Hinweise, ob sie auf zwei oder nur einem Manual gespielt werden sollen, wobei der Komponist bei den Variationen 5, 7 und 29 dem Spieler ausdrücklich beide Möglichkeiten lässt.

Zu Bachs Zeiten kam zwar das einmanualige Hammerklavier gerade auf, Bach aber hatte bei seinen Kompositionen für Tasteninstrumente (neben der Orgel) durchweg das Cembalo im Blick. Die damaligen Instrumente konnten ein, zwei oder sogar drei Manuale besitzen. Für die kompletten Goldberg Variationen hat Bach das zweimanualige Cembalo ausdrücklich vorgeschrieben. Aber sind sie damals auch wirklich "en bloc" gespielt worden?

Oft hört man, eine Interpretation der Goldbergvariationen auf Klavier (und damit auf nur einem "Manual") führe zum "Unding" sich notwendigerweise kreuzender Hände. Das aber ist gar nicht das Problem, kommt es doch auch beim Spiel auf einem zweimanualigen Cembalo zu solchen Situationen. Auf einem modernen Flügel resultieren allerdings unweigerlich "ineinandergreifende" Hände. Und nicht einmal das ist bei der Variation 29 auf dem (von Bach ausdrücklich zugelassenen) einmanualigen Cembalo anders.

Zur Bewältigung dieser Lage haben akribische Zeitgenossen besondere Anweisungen zum Fingersatz publiziert. Dem werden aber wohl nur Anfänger folgen, Starpianisten haben da sicher ihre eigenen Techniken, wobei auch sie - z.B. in der Variation 8 - an ihre Grenzen geraten können.

Aufführungspraxis - Cembalo oder moderner Konzertflügel?

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Viel diskutiert wurde ungeachtet dessen die grundsätzliche Frage, ob man die Goldberg Variationen überhaupt auf einem modernen Klavier spielen "darf", oder doch besser ausschließlich auf einem (und dann wenn möglich auch noch zeitgenössischen) Cembalo. Zumal in den vergangenen Jahrzehnten die sogenannte "historische Aufführungspraxis" durch Autoritäten wie Gustav Leonhard oder Nicolaus Harnoncourt wieder "in Mode" gekommen ist (wenn man das mal augenzwinkernd so formulieren darf).

Historische Aufführungspraxis, welch großes Wort. Gut, wenn man statt heutiger moderner Instrumente Originalinstrumente der Bach-Zeit (oder getreue Nachbauten) verwendet, dann ist man sicher schon mal ein gutes Stück näher am Originalklang. Und der kann durchaus auch heute noch verzaubern. Aber wie hat Bach genau gespielt, welche Tempi hat er wirklich vorgegeben, welche Register hat er auf seinem Cembalo gezogen, hat er Rubati genutzt, wie hat er die Verzierungen eingesetzt, wie laut oder leise waren die Aufführungen? Man weiß es im Einzelnen nicht, auch wenn es von den Söhnen Bachs einige wenige Notizen zur Spielweise des Meisters gibt.

Völlig müßig ist die Frage, auf welchem Instrument Bach seine Variationen gespielt hätte, wenn ihm neben dem "Clavizimbal" auch das Piano forte zur Verfügung gestanden hätte. Ich denke, dann wäre wohl die gesamte Komposition eine andere geworden.

Clifford Curzon meinte kategorisch, man dürfe Bach keinesfalls auf dem Flügel spielen, schon allein durch die Wahl dieses Instrumentes würde die Musik romantisiert. András Schiff hält dagegen, dass kein Mensch einen Gesamtvortrag der Goldberg Variationen auf Cembalo aushalten könne. Wer hat Recht, wer Unrecht? Murray Perahia hat einmal gesagt, er als Pianist könne Bach gar nicht auf dem Cembalo spielen, das sei ein völlig anderes Instrument. Das sagt er, obschon er immerhin 2 Jahre lang Cembalo studiert hat. Der große Organist und Cembalist Walcha hätte wahrscheinlich ähnlich geantwortet, nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Bach 1

Zum Glück gibt es in diesem Punkt keine Zensur, wohl aber viele mehr oder weniger einflussreiche Kritiker. Sollten Sie als Pianist dem kürzlich verstorbenen Joachim Kaiser (dem Autor eines "Pianisten-Michelin") nicht gefallen haben, war das für Ihre Karriere nicht gerade förderlich. Das war schon immer so. Wenn etwa im 19. Jhd. Eduard Hanslick eine Komposition oder Interpretation verriss, brauchte es schon einen Wagnerschen oder Brucknerschen Dickschädel und vor allem viel Können, um auch weiterhin aufrecht voran zu schreiten.

Und dann gab und gibt es neben dem eigenen Geschmack noch den sogenannten Zeitgeschmack; und zwar den der Mehrheit und den von der Musikindustrie und anderen Influencern postulierten. Versuchen Sie mal, sich als junger Künstler gegen Ihren Plattenboss oder einflussreiche Kritiker durchzusetzen! Oder besser nicht, wenn Sie überleben wollen!

Vielleicht kann man sich darauf einigen, dass in der Kunst erlaubt ist, was gefällt, sofern man Anderen damit nicht schadet. Wenn es ganz klar wäre, wie die Goldberg Variationen zu klingen haben, gäbe es nicht hunderte unterschiedliche Interpretationen. Ist es nicht wunderbar, dass wir die Freiheit (oder auch die Qual) der Wahl haben! Wozu brauchen wir als Musikliebhaber "heilige Kühe", "goldene Lämmer" und andere Pseudowahrheiten oder gar Dogmen!

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Cembalo

Heutige Musikwissenschaftler und vor allem Musikfreunde treibt in diesem Zusammenhang eine weitere Frage um: Darf man Bachs barocke Musik überhaupt "interpretieren", oder muss man nicht streng bei den Noten und den wenigen darin notierten Anmerkungen zur Spielweise bleiben? Eine gute Frage vor allem für Pianisten, die die Cembalokompositionen des Meisters auf einem modernen Piano Forte spielen wollen. Und für Pianisten, die sich bislang schwerpunktmäßig mit Chopin und Rachmaninow beschäftigt haben, deren Musik ohne Dynamik und Rubato kaum denkbar ist.

Im Gegensatz zum Cembalo lässt es das moderne Klavier ja zu, innerhalb ein und desselben Stückes oder Satzes mal kaum hörbar leise, dann aber wieder laut donnernd anzuschlagen. Darf das der Barock-Pianist und darf er das Pedal benutzen? Von der Wahl des Grundtempos und dessen Modulation im Sinne einer Agogik war schon die Rede. Wieviel Sentiment darf der Interpret einbringen, etwa mittels der Rubatotechnik? Oder muss Bach`sche Barockmusik wie von einer (Näh-)Maschine fabriziert, wie aus einem Maschinengewehr abgefeuert klingen? Was virtuosen Flinkfingern entgegen käme, zumal manche der Stücke hohe technische Fertigkeiten verlangen. Kurz auf den Punkt gebracht: Darf Barockmusik überhaupt hörbar von Herzen kommen?

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Die Interpretationen auf Cembalo

Und damit sind wir bei einigen sehr bekannten und erfolgreichen Einspielungen der Goldberg Variationen. Wenn sie, wie Bach es ausdrückte, zur "Gemüths-Ergetzung" gedacht waren, dann sollten wir nicht zögern, hineinzuhören. Aber wo fangen wir an? Am besten wohl mit einer Cembaloaufnahme.

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Landowska

Vielleicht allein schon wegen der Klangqualität eher von historischem Interesse ist die Einspielung von Wanda Landowska aus dem Jahre 1933, aufgenommen von RCA. Das war nicht nur die ersten Interpretationen auf Cembalo, sondern die erste Platteneinspielung der Goldberg Variationen überhaupt.

Die Künstlerin hat sich zeitlebens für eine authentische Aufführungspraxis der Kompositionen Bachs mit zeitgenössischen Instrumenten eingesetzt, verwendete aber für die Interpretation anderer Werke auch das Klavier. Doch die Goldberg Variationen konnten nach ihrer Ansicht nur auf dem Cembalo adäquat wiedergegeben werden.

Wanda Landowska war selbstsicher genug, sich gegen Anfeindungen ihrer Interpretationen zu verteidigen: "Wenn Sie sich nicht belehren lassen wollen, spielen Sie Bach weiterhin auf Ihre Weise. Ich jedenfalls spiele ihn auf seine Weise." Wie ich finde ein starkes Statement.

Die Aufnahme musste auf kapazitätsbegrenzte Schellack-Scheiben passen, also ließ Landowska die eigentlich vom Komponisten vorgegebenen Wiederholungen weg. Es ging damals eben nicht anders, es gab ja noch nicht einmal LPs. Zudem hatte Busoni schon 20 Jahre zuvor das Weglassen der Wiederholungen (und auch bestimmter ganzer Teile) empfohlen, um den Zyklus überhaupt vor Publikum spielen zu können. Die Originalversion schien ihm dafür ungeeignet, weil zu lang.

Wanda Landowska musste als Jüdin 1940 bei der Besetzung von Paris durch die Nazis fliehen, zumal auch das Vichy-Regime Juden aktiv verfolgte. Über Umwege gelangte sie nach New York, wo sie 1945 die Goldberg-Variationen ein weiteres Mal für RCA eingespielte. Leider kenne ich diese Aufnahme nicht. Vielleicht wäre sie eine Alternative zu der technisch unvollkommenen und im Nachhinein auch noch vom Tontechniker an den Satzenden manipulierten Schellack-Einspielung von 1933. Im Booklet begründet Mark Obert-Thorn allerdings penibel, warum das notwendig war.

Dennoch lohnt es sich, in die 1933er-Aufnahme hineinzuhören. Ich verwende dabei einen Kopfhörer. Die Interpretation strotzt vor barocker Kraft, soviel ist schon mal sicher. Landowska nimmt sich aber auch die Freiheit für Tempovariationen und Rubati. Bis 1933 waren die Variationen übrigens praktisch unbekannt. Landowska gebührt das Verdienst, diesem Werk wieder ein Publikum verschafft zu haben.

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Walcha

Wer bei einer Interpretation mittels Cembalo bleiben will, sei verwiesen auf die Einspielung von Helmut Walcha aus dem Jahre 1961. Walcha hat unter anderem als Organist an der Thomaskirche gearbeitet. Er ist wegen seiner Einspielungen Bach`scher Orgelmusik weltbekannt geworden, ist aber zudem ein begnadeter Cembalist.

Seine nun 60 Jahre alte, inzwischen allerdings remasterte Aufnahme der Goldberg Variationen ist klangtechnisch kaum von heutigen Produktionen zu unterscheiden. Ein gradliniger, unprätentiöser, dezent registrierter (oft beide Manuale unterschiedlich!), wenig verzierter und schon gar nicht verzuckerter Bach. Lassen Sie sich fallen und von der Macht, Weite und Größe dieser Interpretation verzaubern. Für mich eine Referenzeinspielung, gerade weil sich Walcha als Interpret so zurücknimmt. Wir hören Bach und nicht Walcha.

Ich kann es an nichts festmachen, glaube aber, dass Walcha aus seinem tiefen Bachverständnis heraus immer die genau richtigen Tempi wählt. Um so mehr fällt auf, dass er die Variation 25 im Vergleich sehr schnell spielt, sie dauert nur 5:13 Minuten. Betrachtet man Einspielungen der letzten Jahre, so braucht etwa Lang Lang mit 10:32 Minuten doppelt so lange und selbst der zupackende Stadtfeld lässt sich nicht drängen, beachtet ausnahmsweise die Reprisen und kommt auf 9:11 Minuten, Staier (2010) auf 8:04. Auch Schiff (2001), Gould (1982) und Leonhard (1978) spielen deutlich langsamer als Walcha. Ich erkläre mir diese Diskrepanz aus dem erst 1975 aufgefundenen Bach`schen Handexemplar. Da trägt die Variation 25 den Zusatz "adagio", was Walcha 1961 noch nicht bekannt gewesen sein kann.

Es ist eine Erwähnung wert, dass wir die hervorragende Klangtechnik dieser in 1961 produzierten Aufnahme dem 1968 verstorbenen Tontechniker Erich Thienhaus zu verdanken haben. Thienhaus, seines Zeichens Physiker, war ein Pionier der Aufnahmetechnik. Er lehrte in Berlin und Detmold, wo er auch das erste (heute nach ihm benannte) Institut zur Ausbildung von Tonmeistern gründete. Er hat sich mit dieser Aufnahme selbst ein Denkmal gesetzt. Und Helmut Walcha gleich mit. Beide thronen nun in einem von ionischen Säulen getragenen Tempel; oder wie interpretieren Sie das Cover der remasterten CD?

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Leonhard

Ähnlich fundamentale Cembaloeinspielungen hat Gustav Leonhard 1953 (Vanguard Classics), 1965 (Teldec, Das Alte Werk) und vor allem erneut 1978 (Deutsche Harmonia Mundi) veröffentlicht. Die Aufnahme von 1978 ist meine Favoritin und neben der Interpretation von Walcha die vielleicht beste Gelegenheit zum "Kennenlernen" des Bach`schen Meisterwerkes. Eine berückende Interpretation mit etwas mehr Modulationen und Phrasierungen als jene von Walcha, dadurch etwas "moderner" klingend, dabei aber immer dem Notentext verpflichtet.

Leonhardt spielt nicht auf einem originalen zeitgenössischen Instrument, sondern nutzt ein erst 1975 gebautes Cembalo. Dies ist allerdings ein getreuer Nachbau eines Instrumentes, das von Blanchett 1730 in Paris gebaut wurde. Es hat einen schlanken hellen Ton, völlig anders als die von Staier (s.u.) gespielte Kopie eines anderen zeitgenössischen Cembalos mit orgelartiger Fülle. Die Unterschiede sind frappierend. Welches Instrument Bach gespielt hat, weiß man nicht. Insofern kann man nur spekulieren, welches Klangideal er wohl hatte.

Für mich neben der Aufnahme von Walcha eine weitere und wohl nicht mehr zu überbietende Referenzeinspielung auf Cembalo, die zudem noch durch eine perfekte Aufnahmetechnik glänzt. Schließt man die Augen, sieht man das Cembalo direkt vor sich. Eines der großen Vermächtnisse des 2012 verstorbenen Musikers. Nur eine Frage sei erlaubt: Warum werden die von Bach vorgeschriebenen Wiederholungen (Reprisen) ignoriert!? Liegt es an der begrenzten Kapazität einer LP oder gar CD, die ja 1978 schon in den Startlöchern stand ? Warum aber dann nicht eine Doppel-LP oder Doppel-CD-Kassette veröffentlichen!

Immerhin ist Leonhardt konsequent und lässt alle Wiederholungen weg. Das erhält wenigstens die Symmetrie des Werkes.

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Jarrett

Wenn Sie neben Klassik auch Jazz hören, kennen Sie Keith Jarrett von seinen berühmten Solo-Improvisationen oder seinen legendären Trio-Aufnahmen. Auch Jarrett hat sich auf dem Cembalo den Goldberg Variationen gewidmet. Die Aufnahme ist 1989 bei ECM erschienen. Sein Cembalo klingt weniger voll als die Instrumente von Walcha und Leonhard, schlanker, weniger scharf, insgesamt zurückgenommener. Das wollte er wohl so. Das Instrument ist ein japanischer Neubau von 1988, aber angelehnt an deutsche Instrumente der Bachzeit. Manchmal hat es eine glockenartigen Anmutung, die durchaus an japanische Klänge erinnert. Besonders gut gefallen mir die von Jarrett gewählten delikaten unaufdringlichen Registrierungen.

Ein Amerikaner mit afrikanischen Wurzeln spielt deutsche Barockmusik auf einem japanischen Cembalo! Das hätte sich Bach nicht träumen lassen.

Jarrett bleibt sehr stark am Notentext, ein Freund meinte: er "vertraue" ganz einfach Bachs Noten und sehe keinen Anlass, virtuose Effekte und Verzierungen hinzuzufügen. Was die Reprisen betrifft, geht Jarrett einen eigenen Weg. Er beachtet sie bei 10 der 30 Variationen, ohne dass ich einen Plan erkennen kann. Ganz sicher aber gab es einen. Denn von den 10 Veränderungen mit ausgespielten Wiederholungen befinden sich 5 im ersten Teil (2, 3, 4, 6, 9) und 5 im 2. Teil (16, 21, 25, 29, 30), die Symmetrie der beiden Blöcke wird zumindest nicht völlig aufgelöst.

Mithin eine bewusst wenig spektakuläre, aber grundsolide und vor allem ganz ehrliche und ehrfurchtsvolle Einspielung. Jarrett mag Bach und ich mag Jarretts Interpretation.

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Pinnock

Wie in Deutschland Gustav Leonhardt hat sich in England Trevor Pinnock einer historischen Aufnahmepraxis verschrieben, und zwar als Dirigent des "English Concert" und als Solist. Für die Interpretation der Goldberg Variationen hat er ein flämisches Cembalo von 1648 gewählt, das heute im Musée Instrumental in Paris aufbewahrt wird. Das Instrument klingt sehr hell und schlank und verfügt über nur wenige Registrierungsmöglichkeiten, die sich zudem noch recht ähnlich sind. Die Aria zu Beginn und am Ende wird mit unterschiedlichen Registern gespielt und eignet sich so gut für einen diesbezüglichen Klangvergleich.

Pinnock intoniert äußerst präzise, bleibt immer ernsthaft und sachlich. Die Aria und die Nr. 25 (Adagio) spielt er vergleichsweise schnell, die Nr. 26 und Nr. 29 ebenfalls. Sonst sind die Tempi im seinerzeit für Cembalointerpretationen üblichen Rahmen (die Aufnahme datiert aus 1980). Insgesamt eine strenge, fast analytisch anmutende Interpretation, die auf diese Weise einen ganz eigenen Reiz besitzt, verstärkt durch das dazu passende Instrument. Auf den Punkt gebracht hat das eine französische Musikkritikerin, die zumindest bei einigen Variationen eine Steifheit (wie bei einem Wachsoldaten vor dem Buckingham Palast), bei anderen eine Dürre (wie bei einem englischen Mager-Model) wahrgenommen hat. Gut, ein wenig mehr barocker Glanz, wie Pinnock ihn in der Ouvertüre aufblitzen lässt, hätte der Interpretation gewiss nicht geschadet. Aber dafür haben wir ja Gustav Leonhardt. Mit Sicherheit kannte Pinnock dessen 78er Einspielung und war bemüht, eine sich davon abhebende Klangsprache zu finden, und das bei aller Bewunderung seines großen Vorbildes.

Manierismen, wie immer wieder von anderen Cembalisten und Pianisten genutzt, finden sich in seinem Spiel nicht. Die Charaktere der einzelnen Veränderungen kommen dennoch differenziert herüber, und zwar ohne jeden Gefühlsausbruch, was ohnehin eher nicht zu einem Briten passen würde, insbesondere dann nicht, wenn er Barockmusik spielt. Die Aufnahmetechnik und die digitale Aufbereitung der seinerzeitigen "Archiv Produktion" sind hervorragend, man sieht das Instrument plastisch vor sich und zum Greifen nah.

Auch Pinnock hatte offenbar ein "Zeitbudget" für seine Einspielungen, das er einhalten musste. So konnte er nur bei einige Variationen die vorgeschriebenen Wiederholungen ausspielen, betont aber, dass er seine Wahl "mit Bedacht" vorgenommen hat.

Die Gesamtspielzeit liegt mit knapp 61 Minuten heute so deutlich unter der Kapazität einer CD, dass als Bonus noch das wundervolle Italienische Konzert (BWV 971) beigegeben wird.

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Staier

Andreas Staier legt eine gewaltige Einspielung vor, voller barocker Kraft, laut, üppig, mit Nachhall wie aus einer Kathedrale, überhaupt vom Klang her an eine Orgel erinnernd, was nicht zuletzt dem gewählten Cembalo zuzuschreiben ist. Das ist nämlich die Kopie eines 1734 von Hieronymus Albrecht Hass in Hamburg gebauten Instrumentes mit theoretisch 59 Registrierungsmöglichkeiten. Bach könnte diesen Typus gekannt, vielleicht sogar selbst gespielt haben.

Damit Affekt und Effekt sich nicht zu schnell abnutzen und Steigerungsmöglichkeiten bleiben, werden erst ab der Ouvertüre (Variation 16), also zu Beginn der zweiten Hälfte wirklich "alle Register gezogen". Das läßt sich auch problemlos mit der von Bach eingebauten Dramaturgie des Goldberg-Zyklus rechtfertigen.

Staier begründet im Booklet die Wahl dieses "Cembalo-Monsters" damit, dass er die Zeit gekommen sehe, sich wieder auf die großen und üppigen Instrumente der Bachzeit rückzubesinnen, nachdem in den letzten Jahrzehnten eher schlanke und subtil klingende Cembali (nach-)gebaut wurden. Er zitiert etwas süffisant einen F. Hubbard (1965) mit folgender Charakterisierung der gewaltigen Cembali des 18. Jhd.: "The grotesque result of the barbarous imposition of tonal concepts appropriate to the organ". Ob es sich bei dem Zitierten um den großen Jazztrompeter Freddie Hubbard handelt, wird nicht klar, scheint mir aber eher unwahrscheinlich. Staier meint, wenn er vielleicht auch nicht die ganze Welt mit der Wahl dieses Cembalo-Nachbaus für die Einspielung der Goldberg Variationen beglücke, so beglücke er doch zumindest sich selbst. Und vielleicht ist genau das immer noch das Wichtigste?! Vor lauter Glück brummt er bei der Eingangsaria mit, und auch bei den Variationen immer mal wieder, eine Art "Brummo continuo".

Staier ist ein ausgewiesener Spezialist der historische Aufführungspraxis auf Cembalo und Hammerklavier. Er erklärt seine Interpretation auf einer extra angelegten DVD, das sollte Schule machen. Er zeigt zudem Bachs persönlichen Hintergrund auf, in dessen Kontext er die Variationen geschrieben hat. Wie andere Musikwissenschaftler äußert auch Staier Zweifel daran, dass dieses Werk eine Auftragsarbeit gewesen sein könnte und begründet das.

Alles in allem eine Aufnahme, die allein schon durch ihre räumliche Opulenz hervorsticht, aber eben genau durch den damit einhergehenden Hall und eine teils rasant schnell gespielte Interpretation einige Feinheiten der Artikulation untergehen lässt. Beides kann man wohl nicht haben. Vergleichen Sie dazu die Variation Nr. 5 und vor allem die Nummern 26 und 29. Ihr Musikzimmer sollte den Nachklang nicht zusätzlich noch durch Raummoden verstärken. Oder Sie verwenden einen guten Kopfhörer, was sowohl ihrer eigenen Musikergötzung dient, zudem aber auch Helene Fischer nebenan beim Nachbarn noch eine Chance gibt. Ich konnte den Ort der Aufnahme nicht herausfinden, glaube aber, dass es eine Kirche gewesen sein muss. Zur Interpretation der Goldberg Variationen auf einer Orgel ist es jetzt jedenfalls nur noch ein kleiner Schritt auf die Empore...

Bei den mit "Andante" (Variation 15) und "Adagio" (Variation 25) überschriebenen Stücken setzt Staier das "Nasalzugregister" ein, um den Affekt einer klagenden menschlichen Stimme zu imitieren. Ich verstehe zwar diesen Ansatz, mag aber das Nasalregister nicht und empfinde überdies darin einen Bruch des klanglichen Gesamtkontextes. Aber das ist ausschließlich eine Frage des subjektiven Geschmacks. Im Übrigen hält sich Staier strikt an die Noten, was heute nicht mehr selbstverständlich ist. Wobei er auch wirklich nach Noten und nicht etwa "auswendig" spielt. Verzierungen und Rubati setzt er sparsam ein, seine Interpretation braucht solcherlei Beiwerk auch gar nicht.

Eine Einspielung, die durch die beschriebenen Charakteristika ihren ganz eigenen Reiz ausübt und paradoxerweise gerade wegen der barocken Attitüde in unsere sich immer schneller drehende und Effekte forcierende Welt passt. Direkt im Anschluss gespielt wirkt jede andere Aufnahme (auch auf Piano forte!) "flach". Stellen Sie bei vergleichendem Hören Staier ans Ende! Ich bin froh, dass es diese Aufnahme gibt und lege sie je nach Stimmung (Johann Sebastian möge mir verzeihen) immer mal wieder auf. Ich bin aber doch froh, dass ich alternativ Walcha und Leonhardt habe...

Das Plattenlabel "harmonia mundi" gehört übrigens einem französischen Unternehmen und hat nichts zu tun mit der "deutschen harmonia mundi", bei der Leonhardt seine letzte Einspielung veröffentlicht hat.

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Die Interpretationen auf einem modernen Konzertflügel

Die Goldberg Variationen auf einem modernen Klavier? Da gibt es keinen Mangel, eher einen gewaltigen Überfluss.

Gould-1955

Nicht vorbei kommt man an den beiden Einspielungen des Kanadiers Glen Gould aus 1955 und noch einmal 1982 kurz vor seinem Tode. Beide Aufnahmen haben Stärken. Die von 1955 hat eine Hype ausgelöst und ist "Kult". So hatte man bis dahin das Werk noch nie gehört. Die von 1982 ist klangtechnisch besser, reifer und ausgewogener.

Gould-1982

Gould war ein Tastengenie, das ist unwidersprochen. Warum werde ich mit ihm dennoch nicht warm? Zu viel technische Brillanz zu Ungunsten der Gefühle? Oder ist es die Tatsache, dass der Exzentriker bei vielen Stücken mitbrummt, mitsingt? Zwar 1982 weniger laut als 1955, aber immer noch störend.

Zumindest geht er 1982 etwas geruhsamer an die Sache heran, braucht für die 32 Stücke immerhin 51 Minuten, während er 1955 den Parcours in nur 36 Minuten schaffte (jeweils unter Weglassung der Wiederholungen). Auf alle Fälle gebührt Glen Gould das Verdienst, Bachs Goldberg Variationen populär gemacht zu haben. Sie sollten hineinhören, vielleicht auch nur, um mitreden zu können, wenn Ihre Gesprächspartner ins Schwärmen kommen.

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Schiff 1983

Mir stehen 2 Einspielungen von András Schiff zur Verfügung, eine Studioaufnahme aus 1983 und der Mitschnitt eines Live-Konzertes aus 2001 in Basel. Letzterer wurde von Manfred Eicher 2003 auf ECM veröffentlicht, wie immer in exzellenter Klangqualität. Ich vermute, Schiff spielt auf einem Bösendorfer.

Hat die Aufnahme doch nicht den Steinway-typischen hellen und etwas spitzen Nachklang. Übrigens summt der Pianist an mehreren Stellen mit, ähnlich wie Gould, aber leiser. Komisch, hier stört es mich nicht. Ich ziehe ganz eindeutig die Aufnahme aus 2001/2003 der aus 1983 vor.

Schiff 2001

Sir Schiff muss keinem mehr etwas beweisen, er ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere und Kunst angekommen. Er interpretiert gelassen, lässt früher verwendete Effekte weg, sucht nicht nach versteckten Nuancen, konzentriert sich auf das Wesentliche, und das ist nun einmal die Struktur des Werkes.

Hören Sie in die "langsame" Variation 25 und die "schnelle" Variation 26 hinein (achten Sie dabei auf die linke Hand!), dann wissen Sie, was ich meine. Und hören sie die unvergleichlich feinen Ziselierungen der Variation 29. Besser kann man Bach`s Noten auf einem Flügel nicht artikulieren. Dass die Aufnahme so lebendig wirkt, liegt vielleicht nicht zuletzt an der Liveathmosphäre, der sich kaum ein Musiker entziehen kann. Für mich ist diese großartige Einspielung eine Referenzaufnahme des Werkes auf einem heutigen Piano forte.

Ein weiterer Pluspunkt muss aufgezeigt werden: Das Booklet führt mit großer Expertise in die Entstehungsgeschichte des Werkes und in jede einzelne Variation ein, und zwar aus der Sicht des Pianisten. Das wünschte man sich für alle Aufnahmen klassischer Musik.

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Stadtfeld

Hoch gelobt wurde die Sony-Einspielung von Martin Stadtfeld, sie erreicht 2004 Platz 1 der meistverkauften Klassik-CDs. Der damals erst 23jährigePianist gewinnt mit ihr den Echo-Klassikpreis 2004 als "Nachwuchskünstler des Jahres". Er geht mit unbekümmerter jugendlicher Frische ans Werk, wie 1953 Glen Gould, mit dem er wegen seiner technischen Fertigkeiten auch immer wieder verglichen wird. Sein Spiel ist schnörkellos, beeindruckend staubfrei, modern und herrlich unangepasst, aber manchmal auch etwas eigenwillig.

Manche sagen, er spiele nicht Bach, sondern spiele mit Bach. Vergleichen Sie dazu die Variation 19, die Stadtfeld (anders als Gould!) nicht als zartes Menuett, sondern als eine Art Presto spielt. Damit wäre das Stück aber bereits nach 35 Sekunden vorbei gewesen. Das war ihm dann doch wohl etwas zuviel (besser: zu wenig!) des Guten, deshalb beachtet er hier ausnahmsweise die vorgeschriebenen Reprisen, allerdings spielt er die Melodie der rechten Hand bei der ersten Wiederholung 1 Oktave höher.

Was wohl Bach dazu gesagt hätte? Ich mag die Einspielung, glaube aber, dass Stadtfeld in 20 Jahren eine noch reifere, durchgeistigtere Aufnahme vorlegen wird, womit er es vielen seiner Kollegen gleichtun würde.

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Kempf

Wilhelm Kempff, der große, vielleicht größte deutsche Nachkriegspianist hat mit seinen für immer gültigen Beethoven- und Schubert-Einspielungen Geschichte geschrieben. Aber was passiert da unter seinen Händen mit Bach`s Goldberg-Variationen! Es ist nur schwer in Worte zu fassen. Sie müssen sich selbst ein "Hörbild" machen.

Kempff lässt (fast) alle Verzierungen weg und spielt die reine Melodie. Da ist keine bedeutungsvolle Schwere, kein Getöse, kein Gerase, keine Verzögerung, kein "Pianissimo", kein "Fortissimo". Da gibt es kein "langsames" und "schnelles" Stück, alles fließt unaufgeregt und doch zwingend. Man hört den destillierten Geist der Variationen, als wenn sie ihren Körper schon längst hinter sich gelassen hätten. Kempff hat jeglichen Ballast abgeworfen und schwebt entspannt und schwerelos über uns. Es hat ein bisschen den Anschein, als käme die Musik aus einer anderen Welt, oder gar aus dem Himmel? Jedenfalls eine Interpretation voller erhebender Schönheit, eine Interpretation, wie man sie wahrscheinlich erst mit 75 Jahren erschaffen kann.

Die Variationen klingen nach dem, was sie wirklich sind: Absolute Musik. Man erlebt, dass Bach`s Werk gar keine barocktypischen Zutaten braucht, jedenfalls nicht auf dem Klavier. Dabei verliert sich niemals die Polyphonie, soweit sie dem Werk eigen und auf nur einem "Manual" herauszuarbeiten ist. Und so fassungsloser, weil unvorbereitet ist man, wenn Kempff die Variation 14 mit ihren reichen Trillern spielt. Hat man das Stück je so gehört?

Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass den Goldberg Variationen auf Klavier nichts Wesentliches abgeht, dann hat Kempff ihn hiermit erbracht.

1970 war noch keine CD mit 80minütiger Speicherkapazität in Sicht. Die Goldberg Variationen aber auf 2 LPs zu verteilen wäre unüblich und teuer gewesen. Also stand nur die Zeit für Vorder- und Rückseite einer LP zur Verfügung. Dann aber war eine Gesamtaufnahme nur realisierbar, wenn Wiederholungen weggelassen wurden. Kempf löst das Problem zum Teil dadurch, das er bei einigen Veränderungen nur die ersten 16 Takte wiederholt, nicht aber die zweiten 16 Takte. Ich erinnere mich diesbezüglich an die Variationen Nr. 4, 10 und 14. Nennen wir es eine "erzwungene künstlerische Freiheit".

Die Einspielung ist von 1970. Da gab es durchaus schon das Wissen, wie man einen Konzertflügel tontechnisch klar, präzise und dennoch voll klingend aufnehmen kann. Das aber ist hier leider nicht geschehen. Mir scheint das Klavier deutlich übersteuert zu sein, hört man in üblicher Lautstärke, klirrt es sogar. Das alles wird auch auf "Japan Pressungen" nicht besser. Also ist man gezwungen, den Lautstärkeregler herunterzudrehen. Was letztlich dieser so erhabenen, ruhigen und entspannten Interpretation durchaus gemäß ist. Trotzdem wäre es interessant, in die (nicht remasterte) Original-LP hineinzuhören. Möglicherweise ist die der CD klangtechnisch überlegen.

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Perahia

Die Einspielung der Goldberg Variationen durch Murray Perahia aus dem Jahre 2000 gehört zu den besten Klavierinterpretationen überhaupt. Wie bei Kempff steht die Melodie im Vordergrund, sie strahlt Ruhe und Durchgeistigung aus. Wie bei Schiff fügt sie sich aber zudem in die komplexe vertikale Harmonie ein, die erst am Ende von jeweils 16 kontrapunktisch durchgeführten Takten mit der Tonika zur Ruhe kommt.

Genauso hat Perahia seine Interpretation geplant, was er in dem superben Booklet ausführlich erklärt. Und dies auch an Notenbeispielen. Der interessierte Musikfreund erkennt, wie sich die auf den Fundamentalnoten aufbauenden Akkorde in den Dienst der polyphonen Harmonie stellen.

Tatsächlich würde ich Perahia`s Aufnahme zwischen Kempff`s noch spirituellerer und Schiff`s etwas spielfreudigerer Interpretation verorten. Ein weiteres Charakteristikum ist der weiche, warme und dabei so herrlich differenzierende Anschlag, und zwar sowohl in den lyrischen, als auch in den bravourösen Stücken. Sein Spiel verleiht der Musik Flügel.

Dazu kommt eine makellose Aufnahmetechnik, die das Klavier dem Hörer so nahe bringt, als säße er in der ersten Reihe. Das schafft längst nicht jeder Tontechniker.

Da ich bei den Cembaloeinspielungen zwei Referenzaufnahmen benannt habe, will ich das auch bei den Darbietungen auf Kavier tun und neben der Interpretation von Schiff aus 2001 diese von Murray Perahia als Referenz adeln.

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Lang Lang

Ja, und dann Lang Lang. Lange lange habe ich nachgedacht, ob ich an dieser Stelle etwas zu der DG-Aufnahme aus 2020 sagen soll, sagen muss, sagen will. Kann man dem Pianisten in einer kurzen Besprechung dieser Einspielung (eigentlich sind es ja zwei Einspielungen!) gerecht werden? Es sei wenigstens versucht.

Lang Lang polarisiert, das hat er schon immer getan, allerdings ohne es zu wollen. Die einen sehen in Ihm den Showman, den Pop-Superstar, den von seiner Plattenfirma DG künstlich als Überpianist stilisierten Tastentitanen, den oberflächlichen, die europäische Musik nicht wirklich verinnerlichenden Sonnyboy. Die anderen attestieren ihm neben der unumstrittenen technischen Brillanz inzwischen einen Reifungsprozess, einen eigenen, aber immerhin nicht mehr zu eigenwilligen, dafür von echter Empathie geprägten Zugang zu westlicher Musik, und zwar durchaus von Barock bis Romantik. Doch Lang Lang bleibt auch nach den jetzt als Studioaufnahme und zusätzlichem Livemitschnitt aus der Leipziger Thomaskirche vorgelegten Goldberg Variationen für viele Berufs- und Laien-Kritiker eine Reizfigur.

Nur warum eigentlich? Warum verübelt man ihm sein manchmal exaltiertes Auftreten? Bei Bernstein hat man dessen publikumwirksames Gehoppse akzeptiert, bei Gould seine Exzentrik. Die Klassische Musik kann wahrscheinlich ohnehin nur überleben, wenn man POP-Elemente einbaut oder wenigstens zulässt. Nicht nur die Zeiten ändern sich, auch die Musikkonsumenten.

So befremdet es noch immer, übrigens auch manche Künstler, wenn nach einzelnen Sätzen und nicht erst am Ende des Werkes applaudiert wird. Und manchen gesetzten Klassikliebhaber entsetzt es, in welcher Kleidung das neue Publikum in den Konzert - oder Opernsaal eindringt. Aber wäre es besser, wenn im Zuschauerraum nur noch die regungslos verharrenden Senioren in Abendanzug, Krawatte und langem Kleid Platz nehmen würden? Die Musikwelt befindet sich im Wandel, nicht zuletzt durch den allezeit möglichen Konsum per Streaming. Ein neues Publikum mag sich dadurch erschließen lassen. Dem müssen sich dann aber auch die Interpreten stellen.

Ich hätte der Deutschen Grammophon allerdings geraten, in dem opulenten Booklet der Luxusedition auch etwas über Bach und sein Werk zu sagen, so wie es früher selbstverständlich war. Doch leider: kein Wort zu Bach, kein Wort zum Werk. Dafür gefühlt viele Dutzend Hochglanzfotos von Lang Lang (exakt sind es 25). Da fragt man sich schon: geht es hier um Bach oder den Interpreten? Das Gegenbeispiel ist das Booklet zur 2001er Einspielung von András Schiff. Ein winziges SW-Portrait des Interpreten, dazu aber eine umfangreiche und kundige Werkeinführung durch den Pianisten selbst.

Nun aber doch zur Interpretation der Goldberg Variationen durch Lang Lang. Zunächst einmal hat er es sich nicht leicht gemacht, er hat das Stück jahrelang studiert und erst jetzt mit 38 Jahren aufgenommen. Er ist inzwischen verheiratet, hat wegen diverser Überlastungen eine Art Sabbatical hinter sich gebracht und wirkt heute in Interviews ruhig und gereift. Er hat die Variationen gleich zweimal eingespielt, einmal im Studio, das andere mal als Aufzeichnung eines Livekonzertes in der Leipziger Thomaskirche. Die Interpretationsunterschiede sind minimal. Allerdings ist der Klavierklang in der Kirche deutlich halliger. Ich ziehe die Studioaufnahme vor, mag sie auch etwas weniger Spontanität haben. Lang Lang ist einer der wenigen, der alle von Bach vorgegebenen Wiederholungen spielt. Deshalb benötigt jede der beiden Aufnahmen 2 CDs. Langweilig wird die Musik dadurch niemals, und eingeschlafen wäre wohl nur Graf Kaiserling, und auch nur dann, wenn der Pianist (wie es wahrscheinlich Goldberg tat) leise und langsam gespielt hätte - aber das war ganz erwartungsgemäß hier nicht der Fall.

Man weiß von Lang Lang, dass er sich vorab viele Gedanken zur Herangehensweise gemacht hat, zu den Tempi, den Tempomodulationen (Agogik, Rubato), zum Pedalgebrauch, zur Lautstärke der Liveaufführung und zur Ornamentierung. Herausgekommen ist eine äußerst subjektiv artikulierte, kräftige, in manchen Stücken extrem langsam, in anderen (Variation 26 im 12/16 Takt) extrem schnell gespielte, dabei oft tempomodulierende und reich verzierte Interpretation. Vielen Kritikern gefällt das nicht, aber es ist nun mal seine eigene derzeitige Sichtweise. Er soll gesagt haben, dass er das Stück in 20 Jahren wohl anders interpretieren werde. Ggf. warten Sie also mit dem Kauf noch...

Interessant finde ich Lang Lang`s Bemerkung, dass ihm Harnoncourt einmal gesagt habe, er spiele die Variationen schön, aber nicht "einsam" genug. Der Altmeister wollte ihm wohl durch die Blume bedeuten, dass er beim Spiel nicht an das Publikum, sondern allein an sich, Bach und das Werk denken solle. Zugegebenermaßen ein nicht leichter Ansatz für ein Livekonzert.

Bleibt die Frage nach der einzigen wirklich gültigen Interpretation; es gibt sie nicht! Wenn Sie mich fragen, ich mag Lang Lang`s gefühlvolle, fast romantisierende Einspielung. Sie ist der Gegenpol zu den "Gouldberg"-Variationen, die lange als der "Gould"-Standard galten.

Hören Sie rein in die Variation 13; unvorbereitet könnten Sie sich fragen, welcher deutsche Romantiker das Stück wohl komponiert hat. Mindestens aber würden Sie es in die Zeit der "Empfindsamkeit" verlegen, die in Deutschland aber erst nach dem Tode Bachs begann. Dazu trägt neben der Wahl des Instrumentes auch die extrem langsame Vortragsweise bei. Lang Lang spielt ganze 6:40 Minuten, Walcha, der auch nicht gerade rast und ein gutes Gefühl für Tempi hat, braucht nur 3:47 Minuten. Vielleicht hat Lang Lang doch soeben eine der vielen visionären Seiten Bachs entdeckt? Genug Stoff für manche Diskussionen.

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Neugierig wäre ich auf die Einspielungen von Claudio Arrau aus dem Jahre 1942, von der so viele Vorfahren schwärmen und auf die von Edwin Fischer ("nicht ich spiele, es spielt") und Wilhelm Backhaus. Allein, sie stehen mir nicht zur Verfügung, sind wohl zur Zeit nicht erhältlich und lassen sich auch nicht streamen.

Lohnend ist es, in die vielleicht aber doch etwas zu ungestüme Sturm und Drang-Darbietung von Alexandre Tharaud (mit teils verschwimmenden Tönen) hineinzuhören. Und natürlich gibt es noch dutzende weiterer Aufnahmen, die ich nicht kenne, die aber - folgt man den (natürlich subjektiven) Kritiken - auch ihre Meriten haben werden. Kein Cembalist oder Pianist kann die Goldberg Variationen spielen, ohne sich zuvor intensiv mit ihnen auseinanderzusetzen und ein eigenes Spielkonzept zu erarbeiten.

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Zusammenfassend empfehle ich als Basis der "Goldberg-Studien" die (remasterte) Aufnahme von Helmut Walcha und die 1978er Aufnahme von Gustav Leonhard als Beispiele ganz und gar authentischer Cembalo-Interpretationen und den Livemitschnitt von András Schiff sowie die Aufnahme von Murray Perahia als Vertreter einer modernen, aber eben auch ernsthaften und reifen Einspielung auf dem Konzertflügel. Hat man sich mit diesen Referenzen ausführlich auseinandergesetzt, kennt man das Werk wahrscheinlich auswendig und kann sich gelassen anderen Interpretationen zuwenden.

Hören Sie dann z.B. erst Wilhelm Kempf und dann Lang Lang oder erst Keith Jarrett und danach Andreas Staier. Es werden sich immer wieder neue Welten auftun.

Wenn ich wirklich wählen müsste, würde ich mich für eine Einspielung auf Cembalo entscheiden. Die Töne perlen einfach schöner, haben sie doch (zumindest als Studioaufnahme) nicht den klaviertypischen Nachhall. Und durch die mittels der Register möglichen Klangfarben wirkt die Musik reicher, dem Barock gemäßer. Das gleicht die Tatsache aus, dass man auf dem Cembalo nicht "dynamisch" spielen kann. Doch das hatte Bach ja "notgedrungen" in seiner Komposition berücksichtigt.

Auch scheint eine Klavierinterpretation zu schnellerem Spiel zu verleiten, jedenfalls spielen alle Pianisten deutlich schneller als die Cembalisten. Für die Variation 16 (zugegeben mit den 16tel-Läufen ein zu virtuosen Eskapaden verleitendes Stück) benötigen Walcha und Pinnock (Cembalo) 2:30 bzw. 2:16, Schiff und Lang Lang (Klavier) 2:05 bzw 1:46 Minuten (jeweils mit allen Wiederholungen). Nur Staier ist auf seinem Cembalo mit 2:01 Minuten ähnlich rasant. Beim Vergleich der Interpretationen ohne Wiederholungen benötigen Jarrett und Leonhardt auf Cembalo 1:19 bzw. 1:13 Minuten, Gould und Stadtfeld auf Klavier 0:52 bzw. 0:53 Minuten.

Wenn Sie mir eine ganz persönliche Meinung gestatten: Die Goldberg Variationen brauchen diese Rasanz der Pianisten nicht, ganz im Gegenteil verlieren sie durch eine z. T. abenteuerliche Geschwindigkeit viel von ihrer Schönheit, Weite und Erhabenheit.

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Wenn Sie Interpretationen verschiedener Künstler vergleichen wollen, würde ich jeweils die Aria und folgende Variationen anspielen: Variation Nr. 1 (schneller Tanzrhythmus im 3/4 Takt einer Courante), Nr. 14 (mit Pralltrillern und flirrenden Zweiunddreißigsteln), Nr. 16 (wunderbare Läufe und punktierte Rhythmen), Nr. 25 (nach Landowska die "schwarze Perle" der Variationen, ein todtrauriges Stück), Nr. 26 (mit virtuos-schnellem 18/16-Takt) und Nr. 29 (eine Art vorweggenommenes "Finale" mit gehämmerten beidhändigen Akkorden). Sie bekommen dabei rasch einen Überblick, wie der Künstler an getragene, gefühlsschwere, aber eben auch bravouröse Stücke herangeht. Und dann, dann müssen Sie sich wohl entscheiden...

Oder Sie kommen zu der Überzeugung, dass die Variationen doch nicht Ihr Gemüt ergötzen, warum auch immer. Und damit wären Sie nicht allein. Mancher Zeitgenosse kann mit Barockmusik und speziell dem Goldberg-Zyklus nichts anfangen. Das ist übrigens nicht neu. Köstlich die Beschreibung in E. T. A. Hoffmanns 1814 erschienener Erzählung "Johannes Kreislers, des Kapellmeisters, musikalische Leiden" über das Unvermögen weiter Teile der Biedermeier-Gesellschaft, große Kunst und Musik zu verstehen. Im Anschluss an die misslungene Gesangsdarbietung der völlig unmusikalischen Töchter des Gastgebers greift Kreisler in die Tasten. Bei seinem Vortrag der Goldberg Variationen aber leert sich nach und nach der Salon, und wenn nicht der musikverständige Diener durchgehalten hätte, wäre der Pianist beim Quodlibet schließlich ganz allein gewesen. So aber lässt er sich, unterstützt von einigen Gläschen roten Weines, sogar noch zu weiteren Klavier-Fantasien anregen.

Wenn diese Geschichte (sie ist ja eher eine Persiflage) nicht wahr ist, so ist sie doch wieder einmal gut erfunden und steht Forkel`s zu Beginn unseres Überblicks zitierten Anekdote in nichts nach.

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Andere Bearbeitungen und Interpretationen der Goldberg Variationen

Loussier

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass es Bearbeitungen der Goldberg Variationen für alle möglichen Soloinstrumente gibt, für Orgel, für diverseste Kammermusikensembles und auch für großes Orchester. Zudem haben Rock und Pop zugegriffen und nicht zuletzt hat sich beispielsweise auch Jacques Loussier mit seinem Jazz-Trio ihrer bemächtigt. Und warum denn nicht.

Irgendwie schwebt die Musik von Bach (oder ist es gar des Meister Seele selbst?) ohnehin über allem, oder um es salopp zu sagen, sie ist durch nichts und niemanden kaputt zu kriegen.

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