Rückenschmerzen und Arztbesuch

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Rückenleiden sind eine Volksseuche. Bestimmt kennen auch Sie Schmerzen oder Verspannungen im Nacken, Brustwirbel- und Lendenbereich. Vielleicht auch mit Ausstrahlung in Arme, Beine, Brust oder Bauch. Manchmal "tarnt" sich ein Wirbelsäulenleiden aber auch als Kopfschmerz, Herzschmerz oder Nierenschmerz. Viele Krankschreibungen und Berentungen gehen auf das Konto von Rückenleiden.

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Rückenschmerzen und Arztbesuch - eine Gebrauchsanweisung

Rückenerkrankungen nehmen immer mehr zu, wohl bedingt durch die oft einseitige Haltung am Arbeitsplatz und andere Fehler unserer modernen Lebensführung. Bedingt aber auch durch zunehmenden beruflichen und familiären Stress. So beginnen Rückenleiden nicht selten im Kopf. Dort quälen sie uns dann nicht nur als Schmerz, sondern manchmal auch als Tinnitus, Hörsturz oder Schwindel. Diese Symptome werden allerdings nicht immer sofort als wirbelsäulenbedingt erkannt.

Nun hören wir von Rückenpatienten nach einem Termin beim Orthopäden immer wieder dieselben Klagen: "Er hat wieder nur gespritzt, er hat mir keine Massagen verschrieben, er hat mich nicht in die Röhre geschickt, er hat keine Zeit für mich...". Unzufriedenheit mit der ärztlichen Behandlung ergibt sich zwangsläufig immer dann, wenn Arzt und Patient unterschiedliche Zielsetzungen verfolgen und eine diesbezügliche Abstimmung fehlt. Das aber läßt sich vermeiden.

Was können denn nun die Zielsetzungen einer Rückenbehandlung sein? Das hängt ganz vom Stadium der bisherigen "Rückenkarriere" ab und lässt sich prinzipiell wie folgt darstellen:

  • 1. Schnelle Schmerzbefreiung bei nur ganz selten auftretenden "banalen" Rückenschmerzen wie z.B. beim sogenannten Hexenschuss
  • 2. Sorgfältige Abklärung der Ursachen bei immer wieder auftretenden Rückenschmerzen und anderen Rückensymptomen
  • 3. Nach erfolgter Ursachenabklärung Ausschöpfung aller unbedingt notwendiger passiver "Fremdbehandlungsmaßnahmen"
  • 4. Beratung in Hinblick auf aktive Eigentherapiemaßnahmen bei wiederkehrenden nicht durch eine Fremdbehandlung ausheilbaren Rückenproblemen
  • 5. Einleitung einer sogenannten "Schmerztherapie" bei fortgeschrittenen nicht mehr ursächlich behandelbaren Rückenschmerzen

Wir können nur jedem Rückenpatienten empfehlen, beim Arztbesuch mitzudenken und klar zu äußern, was er oder sie sich von der Behandlung und Beratung erhofft. Nun werden Sie sagen: das ist doch eigentlich klar! Wenn ich wegen Rückenschmerzen zum Arzt gehe, dann will ich meine Schmerzen möglichst schnell los werden. Leider aber ist das oft gar nicht so einfach. Viel zu häufig werden deshalb Rückenschmerzen immer wieder mit Spritzen, Einrenkungen, Tabletten, Bestrahlungen und anderen "Fremdbehandlungsmaßnahmen" angegangen. Das geht schnell, führt meist auch zu einem wenigstens vorübergehenden Erfolg, ist aber keine gute Therapie bei immer wieder auftretenden chronischen Rückenbeschwerden. In diesen Fällen wird es nach sorgfältiger Diagnostik und vielleicht  wenn sinnvoll - kurzer ärztlicher Behandlung meist notwendig sein, den Patienten ausführlich zu beraten hinsichtlich unbedingt erforderlicher Verhaltensänderungen und aktiver Eigenbehandlungsmaßnahmen.

Solch eine Beratung aber braucht Zeit. Der Arzt muss dafür 20-30 Minuten einkalkulieren. Das wird jedoch im täglichen Praxisdauerstress nur selten spontan möglich sein. Und deshalb unterbleibt eine solche Beratung auch so häufig. Also am besten schon bei der Terminabsprache die Arzthelferin über die genaue Zielsetzung und den damit erforderlichen Zeitbedarf informieren. Bedenken Sie, dass ein Arzt jeden Tag etwa 150 Patienten versorgen muss. Das will gut geplant sein, wenn keine Frustrationen aufkommen sollen.

Um es noch einmal ganz deutlich und unmissverständlich zu sagen: Der akute plötzlich auftretende Rückenschmerz darf ohne umfangreiche technische Diagnostik je nach körperlichem Untersuchungsbefund durchaus mit einer Spritze, einer Chirotherapie ("Einrenkung"), Akupunktur, Bestrahlung oder auch Tablettengabe behandelt werden. Jeder sich in kurzen Zeitabständen wiederholende oder auf die Akutbehandlung nicht rasch ansprechende Rückenschmerz muss dagegen ernst genommen und genau abgeklärt werden. Es kann sich dahinter nämlich auch einmal eine schwere Krankheit verbergen. Je nach Ergebnis dieser Abklärung erfolgt dann entweder eine unumgängliche Fremdbehandlung (z.B. Operation, Medikation, Krankengymnastik) oder die Einweisung in eine aktive Selbstbehandlung, die auch bei Eintritt von Beschwerdefreiheit als Vorbeugungsmaßnahme in Eigenregie langfristig durchgehalten werden muss.

Wirbelsäule

An dieser Stelle der Behandlung von Rückenleiden kommt es also zu der entscheidenden Weichenstellung. Und hier kann man als Patient leicht aufs falsche Gleis geraten. Helfen Sie bei der Erstellung des Therapieplanes mit. Fragen Sie sich und Ihren Arzt bei jeder therapeutischen Maßnahme: Was ändert diese Behandlung an der Ursache meiner Rückenschmerzen? Packt die Behandlung die Wurzel des Übels oder kuriert sie nur am Symptom? In welchem Stadium meiner "Rückenkarriere" (siehe die obige Auflistung) befinde ich mich gerade? Was kann ich selbst dazu beitragen, dass es meinem Rücken künftig besser geht? Lassen Sie sich aus Zeitmangel nicht einfach aufs Abstellgleis der passiven Fremdbehandlung schieben.

Haben Sie aber bitte andererseits auch Verständnis dafür, dass Ihr Arzt möglicherweise gerade durch staatlichen Dirigismus, gesetzlich verordneten Bürokratismus und eine übervolle Praxis gestresst ist. Vielleicht hat er zudem selbst Rückenprobleme!? Vereinbaren Sie mit Ihrem Arzt bei Zeitmangel doch ganz einfach einen neuen ausführlichen Termin, um einmal in Ruhe und ohne Hektik alle Aspekte der aktiven Eigenbehandlung zu erörtern. Danach werden Sie den Arzt wegen Ihres Rückens nur noch selten aufsuchen müssen. Das funktioniert so übrigens nicht nur bei Rückenleiden!

Nun sind aber Fehlentwicklungen der Behandlung durchaus nicht immer dem Arzt anzulasten. Der Arzt erlebt vielmehr regelmäßig, dass sein Patient (ganz anders als Sie, liebe Leserin und lieber Leser) sich gegen empfohlene mühsame Eigeninitiativen sperrt und stattdessen die schnelle Spritze oder eine wohltuende Massage bevorzugt. Hier eben ist das aufklärende ärztliche Gespräch so unabdingbar wichtig, hier muss Überzeugungsarbeit geleistet und um die richtige Strategie gerungen werden, hier geht es um die alles entscheidende Behandlungspartnerschaft von Arzt und Patient. Der in das Beratungsgespräch investierte Zeitaufwand wird sich langfristig lohnen, soviel ist sicher. Das, was wirklich hilft ist eben nicht immer das, was auch vordergründig schnell hilft.

Übrigens: Eine sichere Methode zur Vermeidung von Rückenschmerzen ist nicht bekannt. Es gibt aber eine anerkannte "Pyramide zur Rückenschmerzvorbeugung":

  • 1. Information: Dieser Grundvoraussetzung einer Heilung ist auch unser kleiner Artikel gewidmet.
  • 2. Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität beugt nachgewiesenermaßen Rückenschmerzen vor. Deshalb kann auch zu Lasten Ihrer Kasse ReHa-Sport verordnet werden.
  • 3. Stressreduktion: Psychische Belastungen und hier insbesondere Dauerbelastungen gehören zu den wichtigsten Ursachen von Rückenschmerzen. Entsprechend können Entspannungstechniken und verhaltenstherapeutische Maßnahmen helfen.
  • 4. Maßnahmen am Arbeitsplatz: Möbel und Arbeitsmittel sollen ergonomisch auf die Körpergröße und mögliche physische besonderheiten des Mitarbeiters abgestimmt sein. Der Mitarbeiter selbst soll regelmäßig seine Haltung ändern, um Zwangshaltungen zu vermeiden.

Schon Miniübungen im Arbeitsalltag können enorm helfen, Muskelverkrampfungen vorzubeugen. Wiederholen Sie jede der nachfolgenden Übungen zehnmal:

  • Fußwippe: Bewegen Sie Ihre Füße abwechselnd in den Zehen- und Fersenstand (geht auch im Sitzen und ist auch eine gute Thromboiseprophylaxe).
  • Poschaukel: Bewegen Sie abwechselnd die eine und dann die andere Pohälfte langsam nach oben.
  • Schwanenhals: Strecken Sie Ihren Hinterkopf nach oben und das Kinn gleichzeitig nach unten.
  • Flügelschlagen: Ziehen Sie die Schultern nach hinten-unten.

Und wenn Sie sich dann doch beim Orthopäden untersuchen lassen müssen, überbewerten Sie bitte nicht Röntgen-, CT- und MRT-Befunde! Fast jeder Mensch jenseits des 35. Lebensjahres hat Abnutzungs-, also Verschleißerscheinungen und auch Bandscheibenvorwölbungen an der Wirbelsäule. Diese Veränderungen sind aber häufig gar nicht die eigentliche Ursache Ihrer Beschwerden. Sonst müssten sehr alte Menschen mit einem "Totalverschleiß" der Wirbelsäule vor Schmerzen schreien. Es ist aber eher das Gegenteil der Fall!

Die Röntgen- und Schichtaufnahmen werden lediglich zum Ausschluß sehr seltener schlimmer Rückenerkrankungen gemacht. Freuen Sie sich, wenn solche Erkrankungen wie Tumoren, Brüche bei Osteoporose, bakterielle Entzündungen und ein Bechterew ausgeschlossen werden konnten und tun Sie vor allem eines: Bewegen Sie sich! Und sagen Sie nicht: "ich bewege mich doch den ganzen Tag auf der Arbeit". Diese Bewegungen sind meist einseitig und durchaus nicht entspannend. Denken Sie daran: Auch ein Berufssportler treibt nach seinen täglichen Trainingseinheiten Ausgleichssport!

Ihr Praxisteam Dr. Gertraud Puschmann-Reuter und Dr. Helmut Puschmann

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