Vom mediterranen Schuldenkreislauf
im Licht der Leichtigkeit des Seins

Willi Wohlgemuth aus Wuppertal musste sein Reiseziel kurzfristig ändern. Plagten ihn doch diese schrecklichen Ängste vor dem so gefährlichen Schuldenstrudel der Griechen. Selbst deren Tempel sind ja nur noch Ruinen! Statt also die Akropolis zu erklimmen (von den Einheimischen neuerdings "Nekropolis" genannt), genießt er jetzt alternativ den temperamentvollen Charme und die liebreizende Lebensfreude der Römer. In lockerer Urlaubslaune übersieht er gar den renovierungsbedürftigen Zustand des Kolosseum.

Die mediterrane Leichtigkeit des Seins ist ganz offenbar ansteckend, verführt sie Wohlgemuth doch zum Besuch des Casinos. Dort setzt er alles "auf eine Karte" und gewinnt 500.000 €. Er beschließt, noch an Ort und Stelle einen Bugatti zu kaufen, als Verbeugung vor diesem gesegneten Land, in dem offensichtlich Gott, zumindest aber der Papst zu Hause ist.

Der Verkäufer im noblen Autohaus, ein gewisser Eros Amoroso, Enkel des Firmengründers Ernesto, animiert ihn zu einer Probefahrt gegen Hinterlegung einer angemessenen Kaution. Diese könne man ja dann beim Kauf des Wagens verrechnen. Wohlgemut akzeptiert, blättert 10 Riesen hin und begibt sich auf einen Kurztrip nach Neapel.

Eros bündelt die Scheine, rast im 100-Meter-Tempo zu Fabricio, dem Feinkosthändler (auch als Vermittler anderweitiger Spezialitäten bekannt) und bezahlt mit dem Geld einen Teil seiner gewaltigen Schulden. Zudem bedankt er sich für das exzellente All-Inclusive-Catering anlässlich der Feier seines 25. Geburtstages und schwärmt vom äußerst individuellen Service der engagierten leicht geschürzten Schönheiten.

Fabricio ist hocherfreut, nimmt sogleich die Hintertür und spurtet zu Mario, seinem Metzger. Der akzeptiert die 10 Riesen als erste Tilgungsrate der exorbitanten Außenstände und verspricht, vorerst weiterhin Pasteten, Fleisch- und Wurstwaren zu liefern.

Mario aber springt auf seine Guzzi, jagt zu Rienzo, dem Rindermäster am Rande der Stadt und verhindert durch die Übergabe der 10 Scheine im allerletzten Moment eine Zwangsvollstreckung.

Rienzo atmet erleichtert auf, lässt dem Oberhaupt der "Familie" per Eilkurier 5000 € in bar zustellen und begleicht damit das noch ausstehende Schutzgeld für den Vormonat. Er entgeht mithin seiner sonst totsicheren Liquidation, verringert aber zugleich unangenehmerweise einmal mehr seine Liquidität.

Der Pate indes überreicht das Bündel Banknoten seiner Edel-Gespielin Gina, um sie zu einer weiteren Nacht im luxuriösen Penthaus zu bewegen.

Gina - heute im schwarzen Versace-Outfit - startet gerade den roten Ferrari. Sie akzeptiert die Anzahlung ohne größere Gegenwehr und verspricht ihre weiteren Dienste für den Abend. Zunächst aber nimmt sie den kürzesten Weg zum Autohaus, das ihr - wie durch ein Wunder - die letzte noch ausstehende 5000-Euro-Rate gestundet hatte.

Eros Amoroso - verzückt versunken in die Betrachtung von Spoiler, Colani-Karosserie und Fahrgestell - dankt Gina bedauernd, legt die Scheine betont achtlos weg und meint, die Angelegenheit hätte man doch durchaus auch auf andere Art und Weise, also etwa in Form einer "Sachleistung" regeln können.

Willi Wohlgemut in seinem Bugatti ist mittlerweile auf dem Rückweg nach Rom, erfüllt und beseelt vom unvergleichlich-nachahmenswerten Lebensstil der Italiener. Durfte er doch in Neapel gegen Hinterlegung von 100 Riesen eine von ihm favorisierte Luxusyacht testen. Unter azurblauem Himmel hat er weiß-schäumend Ischia umrundet, sich aber letztlich doch nicht zu einer Bestellung durchringen können. Und zwar aus der - zugegeben - spießbürgerlichen Sorge heraus, dieses Kleinod wäre vielleicht doch etwas zu mondän für die graue Wuppertaler Marina.

Ganz leicht irritiert hatte ihn nur, dass die Kaution bei seiner Rückkehr vorübergehend unauffindbar war. Als dann aber eine attraktive Signorina im oben offenen Lamborghini und nicht minder offenen Armani-Fummel vorfährt, ist das Geld urplötzlich wieder zur Stelle. Wahrscheinlich also hatte die junge Dame bei der Suche geholfen.

Wie nun Ginas, pardon: Willis 10 Riesen gerade wieder auf dem Kassentresen des Autohauses liegen, kommt Wohlgemuth herein, übergibt die Schlüssel und meint, der Bugatti und Wuppertal, das passe nicht wirklich zusammen. Außerdem sei ja sein alter Golf noch fahrfähig und soeben - wenn auch knapp - noch einmal durch den TÜV gekommen.

Wohlgemuth denkt einen kurzen Moment daran, die 10 Scheine in Dankbarkeit den Angestellten des Autohauses zu überlassen, befürchtet aber, deren Stolz zu verletzen. Also steckt er die Banknoten bedauernd wieder ein, grüßt innerlich tief bewegt und verlässt dieses reiche, friedliche, liebenswerte, lebensfrohe, sorglos-sorgenfreie und kultivierte Land mit dem irritierenden Gefühl, dass wir in Deutschland seit Jahrzehnten irgendetwas falsch machen, das aber immerhin gründlich …

© Franz von Seboca, Dezember 2011

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