Skandal um heilige Familie und Krippenspiel
Franz von Seboca hat die nachfolgende Begebenheit niedergeschrieben, da irritierenderweise die vorweihnachtlichen Geschehnisse in seiner Stadt so gar nicht mit denen übereinstimmen wollten, die uns einst von Lukas weitererzählt wurden. Franz spricht hinter vorgehaltener Hand sogar von einem Skandal, ähnlich dem gerichtlich bestätigten Krippenverbot 2014 in Worms. Er will aber den Namen der Stadt nicht preisgeben, der dort amtierende Kardinal habe schon genügend Probleme am Hals.
Dabei hätte alles so schön werden können, wirklich.
Doch überraschend wurde der als Kulisse für das Krippenspiel gedachte prächtige neue Stall samt Bewohnern und Inventar von Amts wegen einer moraltheologischen, baurechtlichen und gesellschaftspolitisch orientierten Untersuchung unterzogen. Zudem wurden 13 verschiedene Behörden mit weiteren Überprüfungen beauftrag. Die nichtchristlichen Religionsgemeinschaften, die Umweltbeauftragte und der Zivilschutz wurden um Stellungnahme gebeten.
In der Folge musste Maria den Stall verlassen, und zwar sofort nach der Entbindung, da laut Gleichstellungsbeauftragter und weiterer Feministinnen eine öffentlich zur Schau gestellte schwangere Frau und Mutter ohne eindeutig geklärte Kinds-Vaterschaft vor Nachstellung und übler Nachrede zu schützen sei, und zwar gerade, weil man ihren mutigen emanzipatorischen Beitrag sehr schätze.
Dem eher konservativen Oberbürgermeister kam das äußerst gelegen, zweifelte er (zusammen mit Teilen des Klerus) doch schon länger an Maria`s Vorbildfunktion, zudem durfte er ja auf unmissverständliches Bitten eines hohen geistlichen Herren etwaige Gerüchte zur Vaterschaft gar nicht erst aufkommen lassen. Maria bekam deshalb eilig und unkonventionell ein beschützendes Zimmer im geschlossenen Frauenhaus. Danach verliert sich ihre Spur.
Auch das Jesuskind konnte trotz zugegeben nur halbherziger Proteste seitens des etwas verlegen wirkenden Josef nicht bleiben, da es nun offenkundig mutter- und vaterlos war und zudem pflegetechnisch ausweislich einer undichten Windel als unversorgt galt. Man nahm es seiner augenscheinlich völlig überforderten Mutter weg und verbrachte es in ein Findelhaus.
Josef, seines Zeichens Schausteller, wurde von der Innung untersagt, weiterhin an Weihnachten einer tariffreien Tätigkeit nachzugehen. Ihm war die ganze Sache inzwischen ohnehin peinlich, er verschwand mit rotem Kopf durch die Hintertür, ohne sich zu verabschieden. Sein Hut verdeckte nur unzureichend die beiden Hörnchen.
Das Veterinäramt hatte auf Initiative des Tierschutzbundes Ochs und Esel schon gleich zu Beginn abholen lassen, das Tierwohl sei durch die nicht artgerechte Besetzung des Stalls und den zu engen Kontakt mit fahrendem Volk gefährdet, auch sei ja nun die Futterkrippe zweckentfremdend belegt und damit ihrer lebenserhaltenden Funktion beraubt.
Die 3 Weisen mussten bereits an der Grenze unverrichteter Dinge umkehren, man warf ihnen den Besitz berauschender Stoffe in Tateinheit mit Goldschmuggel vor. Dass in Wirklichkeit die Sorge bestand, sie könnten einen Asylantrag stellen, wurde entrüstet zurückgewiesen. Dabei machten die Reisenden schon rein äußerlich einen befremdlichen Eindruck, einer von ihnen schien gar aus weit entfernten äquatorialen Gefilden zu stammen.
Der Obmann der Obdachlosen verwies vorsorglich auf die bereits jetzt angespannte nächtliche Lage (sic!) in den Kaufhauspassagen und Notunterkünften
Die Muslime konnten, aufgeklärt durch das Freitagsgebet, in seltener Übereinkunft mit der jüdischen Gemeinde erreichen, dass die Engel entfernt wurden; zwar gäbe es Engel, die aber dürften niemals Gestalt annehmen, schon gar nicht eine menschliche. Sie seien ohnehin nur von wenigen Auserwählten zu erkennen, wozu Christen aber nicht gehörten. Überhaupt sei das ganze Schauspiel eine einzige Provokation, wenn nicht gar ein neuer Kreuzzug gegen Palästina und Israel, verletze aber auch ganz allgemein die Gefühle aller Nichtchristen auf das Empfindlichste.
Auch der Stern über dem Stall wurde auf eine jüdisch-muslimische Initiative hin entfernt, schließlich sei der Himmel über der gesamten Region hoffnungslos tiefschwarz und ohne jedes wegweisende Licht.
Selbst die Hirten konnten nicht bleiben, sie mussten zurück, um ihre Schafherden gegen einfallende sibirische Wölfe zu verteidigen; neuerdings dürfen sie dabei von der Schusswaffe Gebrauch machen, was Spaß macht und das entgangene Jauchzen und Frohlocken voll ersetzt.
Das Umweltamt ließ das Stroh kostenpflichtig entsorgen, es sei mit dem krebserregenden E 995 gespritzt worden, zudem sei die Halmlänge nicht konform mit geltenden EU-Vorschriften.
Letztlich bestand die Gebäudeaufsicht darauf, den Stall komplett abzureißen, sei er doch ganz augenscheinlich ein einziges großes Ärgernis. Erstens sei das Teil ohne Baugenehmigung errichtet worden, zweitens nicht ordnungsgemäß gedämmt, drittens fehlten Rauchmelder, Feuerlöscher und Fluchttüren, viertens sei das Gebäude ja unverständlicherweise komplett unbewohnt, entspräche also illegalem Leerstand, fünftens sei der Stall bekanntlich vielen Neubürgern ein Dorn im Auge und sechstens sei er nach verschiedenen Brandanschlägen ohnehin baufällig und damit gemeingefährlich.
An den einstigen das Krippenspiel symbolisierenden Stall samt heiliger Familie, allerlei Getier und liebevoller Einrichtung erinnert nun nur noch eine kleine, frisch-feucht tröpfelnde Krippe im Schutt, die - einst als Requisit gedacht - jetzt als Relikt im Winde stumm hin und her schaukelt. Wer sie letztlich an sich genommen hat und als Reliquie verwahrt, ist nicht überliefert.
So weit das nüchterne und zugleich ernüchternde Protokoll unseres langjährigen Weggefährten Franz von Seboca. Er fügt noch an, dass sich inzwischen eine kleine liberale Initiativgruppe gebildet habe, die gegen Widerstand von links und rechts am Ort der ehemaligen Krippe einen Stolperstein einlassen will. Die Zulässigkeit einer solchen Maßnahme werde derzeit von Amts wegen geprüft.

