Sophia Weidemann - Goldberg Variationen

Sophia Weidemann

Die im Oktober 2024 aufgezeichnete und 2025 auf GENUIN veröffentliche Einspielung der Goldberg Variationen (GV) von Sophia Weidemann ist in mehrfacher Hinsicht etwas ganz Besonders. Bachs Monumentalwerk ist erst ihre zweite Veröffentlichung nach dem Debut mit Klavierstücken und Lesungen von Fanny Hensel. Und das kam so: Die GV sind ein Lieblingsstück der Pianistin, sie hatte den Zyklus schon bei ihrer Abschlussprüfung an der Musikhochschule Stuttgart gespielt und nachfolgend öffentlich in Konzerten. Nach einem dieser Konzerte wurde Sophia Weidemann von einem Ehepaar angesprochen mit dem Vorschlag, die Interpretation auf CD zu veröffentlichen und dem Angebot, die Kosten dafür zu übernehmen. Wer hätte da gezögert!

Der Leipziger Verlag Genuin classics konnte als Produzent und Vertrieb gewonnen werden, die Fa. Bechstein stellte einen Flügel (Nr. 218.942) zur Verfügung, als Aufnahmeort wurde die für ihre akustische Transparenz bekannte Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem gewählt, als Toningenieur Alfredo Lasheras Hakobian. Sehr besonders und heute eher die Ausnahme: Es gab kein der Kapazität einer einzigen CD angepasstes Zeitbudget, es wurde von Beginn an eine Doppel-CD ins Auge (besser „ins Ohr“) gefasst, um die knapp 90 Minuten dieser gelassenen, kraftvollen und frischen Interpretation unterzubringen. Es war der ausdrückliche Wunsch der Pianistin, der Musik Raum zur Entfaltung zu geben. Und das ist gelungen!

Pianoklang und Raumklang sind nach meinem Geschmack sehr gut abgemischt, der Bechstein klingt hell und nah, durch den feinen Nachhall im Kirchenraum auch nie trocken und steril.

Sophia Weidemann spielt alle Reprisen, auch die der Schlussarie (!), womit sie heute schon fast ein Alleinstellungsmerkmal besitzt. Sie wollte keine bloße Aneinanderreihung der einzelnen Stücke, was schnell mal zur Langeweile führt, sie wollte vielmehr den großen Spannunsgsbogen über den gesamten Variationszyklus aufrechterhalten, dabei die Musik (wo Bach es so initiiert hat) singen und tanzen lassen, dann aber auch insbesondere bei den Bravourstücken die strenge Polyphonie herausarbeiten. Sie spricht von der „Kraft der Komposition“, die den Zuhörer im besten Fall „in einen Sog hineinzieht“, also berührt, anfasst, mitnimmt, eine Musik, die etwas im Hörer bewegt, die lange nachklingt.

Ich könnte es mir einfach machen und wahrheitsgemäß sagen, genau das sei ihr gelungen - und damit schließen. Zumal ich als begeisterter, aber eben nicht „studierter“ Hörer manchmal gar nicht erkennen, geschweige denn in Worte fassen kann, was die eigentliche Faszination einer bestimmten Interpretation bewirkt. Zuletzt ist mir das bei der Videoaufnahme von Kit Armstrong so ergangen. Man kann es auch dabei belassen, nur ist die Besprechung dann etwas sehr Subjektives.

Bei Sonja Weidemann ist es am ehesten die unbedingte respektvolle Werktreue ohne alle Extravaganzen und pseudovirtuosen Eskapaden, dazu ihre spürbare Liebe zum Stück (von der Swjatoslaw Teofilowitsch Richter mal gesprochen hat), bekundet durch eine fein abgestufte Dynamik (Var. 28, 29), individuelle Akzentuierungen (Var. 4, 26), zielgenaue, dabei nie aufgesetzten Verzierungen (Var 7, 13), ein „Perlen“ der Töne bei den schnellen Läufen (Var. 8, 20), ein sparsames, kaum auffallendes, den unaufhaltbaren Fluss der Musik betonendes Rubato (Var. 13, 24), sowie die über den Gesamtzyklus gesehen feinen Tempodifferenzierungen mit vergleichsweise eher langsamer Lesart, was Befürwortern einer „Sonderbehandlung“ der Moll-Variationen und der lyrisch-gesanghaften Stücke gefallen dürfte.

Mir ist zudem sehr wichtig, dass von dem einmal für eine Variation gewählten Tempo im Verlauf nicht im Geringsten abgewichen wird, der Puls also unantastbar bleibt, Jazzmusiker sprechen hier von „time“; eine Freude, diesbezüglich in die rhythmisch wie gemeißelt erscheinenden Variationen 14 und 23 hineinzuhören.

Die Interpretation von Sophia Weidemann ist vollständig in sich geschlossen, logisch nachvollziehbar und erscheint dadurch zwingend. Damit soll mitnichten gesagt werden, dass es keine andere Deutungsmöglichkeiten gäbe, ganz im Gegenteil, denn sonst wäre Sophia Weidemanns Lesart ja auch nicht etwas so Besonderes.

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