Kit Armstrong - Goldberg Variationen

Kit Armstrong BR GV

Der 1992 geborene amerikanische Pianist Kit Armstrong (dessen Mutter aus Taiwan stammt) gibt 2016 im Concertgebouw Amsterdam ein Solokonzert. Zu Beginn spielt er Werke von William Byrd, Jan Pieterszoon Sweelinck und John Bull, nach der Pause dann Bachs Goldberg Variationen, von denen hier die Rede sein soll. Der Abend wurde gefilmt und ist als Video auf DVD oder BR erhältlich, nicht aber als bloße Tonspur auf CD. Die Kameraführung ist wunderbar ruhig und immer der Musik angepasst, sie fängt die sparsame Gestik und Mimik des Pianisten nahezu intim ein. Schon bei den ersten Takten wird klar, hier spielt kein „Junger Wilder“, hier wird eine reife von scharfem Geist und tiefer Seele durchdrungene, zugleich aber disziplinierte und kontrollierte Interpretation dargeboten.

Nun möchte man ja jede Einspielung dieses Opus summum irgendwie vergleichend verorten, was vielleicht aber gar nicht zielführend ist. Bei Armstrong kommen zunächst Assoziationen an die zweite Einspielung von A. Schiff für ECM auf, mehr aber noch an die von M. Perahia, gepaart mit einem Schuss Freigeist eines W. Kempff. Da Armstrong wie Schiff und Perahia alle Reprisen bis auf die der Schlussaria beachtet, lassen sich die Gesamtspielzeiten einfach vergleichen. Armstrong nimmt sich 9 Minuten mehr Zeit als Schiff und 7 Minuten mehr als Perahia. Das wirkt sich deutlich aus, die Variationen bekommen mehr Raum zum Atmen, zur Entfaltung, ohne jemals zu statisch zu wirken.

Nach mehrfachem Hören und vergeblichen Vergleichsbemühungen erreicht Armstrongs Einspielung doch am ehesten Alleinstellungsmerkmale. Es geht ihm um den ganz großen Bogen über das Gesamtwerk, vielleicht nur noch aufgegliedert in zwei „Unterbögen“ über jeweils die ersten 15 und die zweiten 15 Variationen. Bei Armstrong entsteht niemals der Eindruck voneinander isolierter langsamer und schneller Variationen, alles scheint einem gemeinsamen Grundpuls zu folgen, fließt gleichmäßig, zwingend, als könnte bzw. dürfte es gar nicht anders klingen. Das gesamte Werk, ja jedes einzelne Stück strahlt eine große Empfindung, besser Empfindsamkeit aus, ohne dass dem Zuhörer sogleich klar wird, wie Armstrong das fertigbringt. Erst nach und nach hört man die Feinheiten seiner dynamischen und agogischen Differenzierungen, seine extrem sparsamen Verzierungen und seine delikaten Tempoveränderungen jenseits jeder Metronomorientiertheit. Auf das allgemein übliche Schlussritardando verzichtet er nahezu komplett, auch, weil er oft eine Variation nahtlos in die nächste übergehen lässt. Ein Hörer, der das Werk nicht gut kennt, dürfte Schwierigkeiten haben, jedes Ende und jeden Anfang einer Variation mitzubekommen.

Armstrong beachtet (wie oben bereits ausgeführt) alle vorgeschriebenen Reprisen bis auf die der Schlussarie. Die Var. 1 löst sich ohne den üblichen Donnerhall aus der Anfangsarie, nur selten wird bei anderen Interpretationen auf diesen sich anbietenden Effekt verzichtet. Die oft bravourös dargebotenen Variationen 5 und 8 spielt Armstrong eher zurückgenommen, auch die Canones 3, 6, 9, 12 und18 eher getragen und mit großer gefühlvoller Attitüde. Noch größere Empfindung legt er in die Var. 13, hier mit deutlichem Rubato, um dann (quasi als Finale der ersten 15 Variationen) bei der rhythmisch vertrackten Nummer 14 virtuos aufzutrumpfen, allerdings ohne zu rasen, so dass der Übergang in die zügig gespielte Var. 15 ohne Tempobruch vonstattengeht. Der Ouvertüre verleiht er ein angemessenes Pathos mit stark akzentuierten Betonungen, spielt die Variationen 17, 18 und 19 dann aber wieder ohne jegliche aufgesetzten Effekte. Ein Highlight ist die Var. 20, die man so filigran gespielt selten hört und die nahtlos in die Mollvariation 21 mündet, worauf sich dann fast übergangslos die Var. 22 anschließt. Was er technisch drauf hat, zeigt uns Armstrong bei der Var. 23, die so mühelos klingt und dabei doch rhythmisch so vertrackt ist. Die melodisch geprägte Variation 24 ist eine einzige ziemlich zügig vorgetragene Schwärmerei. Auch die Var. 25 nimmt Armstrong vergleichsweise schnell, so dass die Bass- und Melodielinien nie abreißen, legt aber so viel Gefühl (Adagio!) hinein, dass sie (wie von Wanda Landowska gefordert) schwarz perlmutartig glänzt. Danach leitet er das Finale ein, das mit den stürmisch bewegten Variationen 28 und 29 seinen Höhepunkt findet und erst im immer noch zügig gespielten Quodlibet wieder abflaut. Die Aria da capo wird zwar ohne Reprisen, aber sonst (so weit möglich!) identisch zur Eingangsarie gespielt.

Armstrong schenkt uns mit dieser Interpretation der GV ein ganz besonderes Kleinod, stets polyphon barock verwurzelt, nie wirklich romantisierend, aber mit einer unaufdringlichen, unaufgesetzten, wie selbstverständlich daherkommenden Empfindsamkeit, wie sie dem ästhetischen Ideal eines Carl Philipp Emanuel Bach wohl entsprochen hätte. Ein zeitloses Meisterstück in Bild und Ton - und eine klare Alternative zu den etablierten eher „akademischen“ Einspielungen etwa einer Rosalyn Tureck auf dem Klavier oder eines Helmut Walcha auf dem Cembalo. Zudem eine Alternative zu den Parforceritten eines Glenn Gould 1956 oder eines Vikingur Olafsson und zugleich eine Alternative zu stark romantisierenden Interpretationen etwa einer Maria Tipo und eines Lang Lang. Die u. E. als Referenz taugende Interpretation eines M. Perahia stellt Armstrong nicht in den Schatten, doch stellt er seine ganz eigene Interpretation gleichwertig daneben.

Schaut man das Video, sieht man Kit Armstrong, lauscht man mit geschlossenen Augen, hört man ausschließlich Johann Sebastian Bach.

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