Poesie

Sundown

Auf dieser Seite sammeln wir Poetisches. Die Verse mögen heiter oder auch ernst und manchmal gar melancholisch sein, sie mögen sich reimen, oder auch nicht, sie mögen unsere Zustimmung oder aber unseren Widerspruch finden. So oder so werden sie aber durch die Kraft ihrer Gedanken lange in uns nachklingen.

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Emergency Exit(-us)

Die Schwüre wurden zum Geschwür,
statt Heilung fand nur Schminke statt.
Der Notausgang ist eine Tür,
die außen keine Klinke hat.

Du warst gewarnt. Du hast gewählt.
Die Konsequenz war dir bewusst.
Du weißt, du hast dein Ziel verfehlt,
du willst nicht weitergehn – du musst.

Der ohne Rückweg bist jetzt du.
Du hattest Mut, doch keine Zeit.
Die Tür ging auf, die Tür ging zu …
Jetzt bist du draußen und es schneit.

Frithjof Northmann (aus "Lebend kriegt der Tod mich nicht)

Die unmögliche Tatsache

Und er kommt zu dem Ergebnis:
Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil, so schließt er messerscharf,
nicht sein kann, was nicht sein darf.

Christian Morgenstern (aus "Palmström")

Lebensgefahr

"Wird`s besser? Wird`s schlimmer?"
fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich:
Leben ist immer
lebensgefährlich!

Erich Kästner

Sehnsucht? Oder Illusion?

Ich seh` ein Land mit neuen Bäumen.
Ich seh` ein Haus aus grünem Strauch.
Und einen Fluss mit flinken Fischen.
Und einen Himmel aus Hortensien seh` ich auch.

Ich seh` ein Licht von Unschuld weiß.
Und einen Berg, der unberührt.
Im Tal des Friedens geht ein junger Schäfer,
der alle Tiere in die Freiheit führt.

Ich hör` ein Herz, das tapfer schlägt,
in einem Menschen, den es noch nicht gibt,
doch dessen Ankunft mich schon jetzt bewegt.
Weil er erscheint und seine Feinde liebt.

Das ist die Zeit, die ich nicht mehr erlebe.
Das ist die Welt, die nicht von uns`rer Welt.
Sie ist aus feinstgesponnenem Gewebe,
und Freunde, glaubt und seht: sie hält.

Das ist das Land, nach dem ich mich so sehne,
das mir durch Kopf und Körper schwimmt,
mein Sterbenswort und meine Lebenkantilene,
dass jeder jeden in die Arme nimmt.

Hans Dieter Hüsch

Die Engel

Freilich, ein ungläub`ger Thomas,
Glaub ich an den Himmel nicht,
Den die Kirchenlehre Romas
Und Jerusalems verspricht.

Doch die Existenz der Engel,
die bezweifelte ich nie:
Lichtgeschöpfe sonder Mängel,
hier auf Erden wandeln sie.

Nur, gnäd`ge Frau, die Flügel
Sprech ich jenen Wesen ab;
Engel gibt es ohne Flügel,
wie ich selbst gesehen hab.

Lieblich mit den weißen Händen,
Lieblich mit dem schönen Blick
Schützen sie den Menschen, wenden
Von ihm ab das Mißgeschick.

Ihre Huld und ihre Gnaden
Trösten jeden, doch zumeist
Ihn, der doppelt qualbeladen,
Ihn, den man den Dichter heißt.

Heinrich Heine

Farbenspiel

Von allen Farben, an die man glauben kann,
kommt das Laubige grad am besten an.
Doch es gab auch mal eine Zeit,
da war das Feurige weitverbreitet.
Und jeder Farbe Jüngerschar
Glaubt, ihre Farbe allein sei wahr.
Ab sofort wird zurückgeglaubt.
Wer lauter glaubt als erlaubt,
dem wird auf das Haupt gehaut.
Denn darum geht`s doch bei der Glauberei,
dass der eine lauter als der andre sei.

Rockband Fehlfarben

Mondnacht

Es war, als hätte der Himmel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
die Ähren wogten sacht,
es rauschten leis die Wälder,
so sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.

Joseph von Eichendorff

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Allein

Da waren doch so viele Tage,
und sie verflogen im Nu.
Und jetzt bleibt die quälende Frage:
Wozu?

Wozu nur dieses Gegockel
und all` die Angeberein.
Am Ende fällst du vom Sockel,
allein.

Alleine mit deinen Migränen,
trotz Rente und Zugewinn.
Es fehlte den Lebensplänen
der Sinn.

Askese und Ekstase,
du warst nie wesentlich.
Nur eine Seifenblase,
dein Ich.

Das meiste war unverständlich,
trotz Stunden des Lichts.
Wie alles zerfällst du letztendlich
ins Nichts.

Warum sich ans Leben krallen,
laß aus und laß dich ein.
Du findest nur im Zerfallen
dein Sein.

Konstantin Wecker

Cello song

Strange face, with your eyes
So pale and sincere.
Underneath you know well
You have nothing to fear.
For the dreams that came to you when so young
Told of a life
Where spring is sprung.

You would seem so frail
In the cold of the night
When the armies of emotion
Go out to fight.
But while the earth sinks to its grave
You sail to the sky
On the crest of a wave.

So forget this cruel world
Where I belong
I'll just sit and wait
And sing my song.
And if one day you should see me in the crowd
Lend a hand and lift me
To your place in the cloud.

Nick Drake, aus "Five Leaves Left", 1969

Der Machtwechsel

Auch wenn das Gras noch aufwärts ragt:
Das Land liegt flach und atmet schwer.
Ein jeder Tag wird nur vertagt,
Weil die Erfahrung allen sagt:
Die Wahrheit stimmt erst hinterher.

Im Kühlschrank liegt Erinnerung.
Die Uhr bleibtstehn, doch nicht die Zeit.
Die Abrißbirnen holen Schwung,
Sie warten auf Betätigung.
Sie sind bewährt. Sie sind bereit.

Ein neuer Götze tritt ans Licht,
Das ringsum aus der Lampe fließt.
Er lacht. Entsichert sein Gesicht.
Und schießt.

Frithjof Northmann (aus "Fernschach via Flaschenpost")

Kind, du bist uns anvertraut

Kind, du bist uns anvertraut,
wozu werden wir dich bringen?
Wenn du deine Wege gehst,
wessen Lieder wirst du singen?
Welche Worte wirst du sagen
und an welches Ziel dich wagen?

Heinrich Heine

Ein bißchen mehr Freude

Ein bißchen mehr Freude und weniger Streit,
ein bißchen mehr Güte und weniger Neid,
ein bißchen mehr Liebe und weniger Haß,
ein bißchen mehr Wahrheit, das wäre doch was.

Statt so viel Unrast ein bißchen mehr Ruh`,
statt immer nur ich ein bißchen mehr du,
statt Angst und Hemmung ein bißchen mehr Mut,
und Kraft zum Handeln, das wäre gut!

Kein Trübsal und Dunkel, ein bißchen mehr Licht,
kein quälend` Verlangen, ein froher Verzicht,
und viel mehr Blumen, solange es geht,
nicht erst auf Gräbern, denn da blühn sie zu spät.

(Peter Rosegger, 1843

Der Mond ist aufgegangen

Siehst du den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
So sind gar manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht seh`n.

Matthias Claudius

Irren durch Selbstüberschätzung

Wenn einer, der mit Mühe kaum
geklettert ist auf einen Baum,
schon meint, dass er ein Vogel wär,
so irrt sich der.

Wilhelm Busch

Ordnung und Zerfall

Wir ordnens. Es zerfällt.
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.

Rilke, Duineser Elegien

Überlass es der Zeit

Erscheint dir etwas unerhört,
bist tiefsten Herzens du empört,
bäum dich nicht auf,
versuch`s nicht mit Streit,
berühr es nicht, überlass es der Zeit.
Am ersten Tag wirst du feige dich schelten,
am zweiten lässt du dein Schweigen gelten,
am dritten hast du`s überwunden;
alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

Theodor Fontane

Von der Pflicht

Ich schlief und träumte, das Leben wäre Freude.
Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht.
Ich handelte und sah, die Pflicht war Freude.

Quelle unbekannt

Leben ist lassen:

Fragen offen lassen,
Angst loslassen,
Sehnsucht zulassen,
Bekanntes verlassen,
um sich auf Unbekanntes einzulassen,
Altes sterben zu lassen,
um neues auferstehen zu lassen.
Unwesentliches weglassen,
um Wesentliches durchzulassen.

Benedikt W. Traut

Labsal durch Kampf, Mühe und Arbeit

All` Labsal, was uns hier beschieden,
fällt nur in Kampf und Streit uns zu;
nur in der Arbeit wohnt der Frieden,
und in der Mühe wohnt die Ruh`.

Theodor Fontane

Es gibt nur eine Großmacht auf Erden - nämlich die Liebe

Pflicht ohne Liebe macht verdrießlich.
Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos.
Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart.
Wahrheit ohne Liebe macht kritisch.
Erziehung ohne Liebe macht widerspruchsvoll.
Klugheit ohne Liebe macht gerissen.
Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch.
Ordnung ohne Liebe macht kleinlich.
Sachkenntnis ohne Liebe macht rechthaberisch.
Macht ohne Liebe macht gewalttätig.
Ehre ohne Liebe macht hochmütig.
Besitz ohne Liebe macht geizig.
Glaube ohne Liebe macht fanatisch.

Himmlische Mächte

Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
wer nie die kummervollen Nächte
auf seinem Bette weinend saß,
der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!

J. W. v. Goethe

Änderung

Es wird sich ändern - ich versprech Dir, dass sich etwas ändern wird.
Aus der Gefühllosigkeit, die Du kennst,
wird diese Stimmung wieder erwachen,
und dann wird alles....

Ein neuer Wind wird über der Stadt wehen,
so viel Lust einander zu umarmen
und miteinander laut heraus zu lachen vor Glück.

Nur die Kraft, daran zu glauben, ist es,
die dem Mut zu Leben einen Sinn gibt;
es ist nur die Kraft, immer wieder zu beharren
und nie aufzugeben.

Du siehst es bald, es wird sich ändern.
Ich glaube daran, dass sich etwas ändern wird.

Pippo Pollina, “Cambiera”, Il Giorno del Falco

Gudrun und Theo

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf` um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
nur wer bereit zum Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse

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